Eine Masterarbeit voller rassistischer und völkischer Theorien, eine Stube mit Wehrmachtsdevotionalien: Der terrorverdächtige Soldat Franco A. fiel bei der Bundeswehr früh als Rechtsextremist auf. Konsequenzen zogen die Verantwortlichen nicht – was in dieser Art nicht zum ersten Mal passierte, wie ein Vergleich mit dem Fall Mundlos zeigt.

Wie auffällig war der Wehrpflichtige Uwe Mundlos?
Uwe Mundlos ist das bislang prominenteste Beispiel für einen Soldaten, der trotz seiner rechtsextremen Ansichten unbehelligt seinen Dienst in der Bundeswehr verrichten konnte. Einige Jahre bevor er mit seinen Komplizen Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt als sogenannter Nationalsozialistischer Untergrund abtauchte und ab dem Jahr 2000 eine beispiellose Mordserie beging, fiel der junge Mann aus Jena in den 1990er Jahren beim Wehrdienst als Rechtsextremer auf. Bei ihm wurden damals Dinge gefunden, die keinen Zweifel an seiner Gesinnung ließen: ein Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, persönliche Visitenkarten mit dem Kopf von Adolf Hitler, rechte Musik, Flugblätter der NPD. 

Wie ging die Bundeswehr damals mit Mundlos um?
Vorgesetzte vernahmen ihn, holten Erkundigungen ein. In der Personalakte wurde damals vermerkt: "Die Einleitung eines disziplinargerichtlichen Verfahrens ist nicht vorgesehen. Uwe Mundlos erfüllte seinen Dienst bisher zur vollen Zufriedenheit und fiel bisher nicht negativ auf." Mundlos' Kompaniechef plädierte zwar für sieben Tage Disziplinararrest. Antreten musste der Soldat die Strafe aber nie. Stattdessen beförderte die Bundeswehr Mundlos. Zum Abschluss bekam er ein passables Zeugnis. Zu einer Entlassung kam es nicht. Die Begründung: Es handele sich um einen Wehrpflichtigen. 

War der Bundeswehr-Geheimdienst MAD im Fall Mundlos involviert?
Ja. MAD-Leute befragten Mundlos damals – allerdings mit großer Verzögerung. Auch dieses Gespräch blieb folgenlos. Noch dazu kam die entsprechende MAD-Akte bei der NSU-Aufklärungsarbeit Jahre später nur quasi nebenbei ans Licht. Ein Ex-MAD-Mann sagte schließlich im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, es sei frustrierend, dass die Überprüfungen durch seine Leute oft keine Konsequenzen gehabt hätten. Mitunter sei es sogar schwierig gewesen, die Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass ein Rechtsextremer nicht Zeitsoldat werden dürfe; schließlich hätten sich Rechte oft als "gute Soldaten" hervorgetan.

Hat die Bundeswehr aus ihren Fehlern gelernt?
Es gab durchaus Änderungen – unter anderem, um dafür zu sorgen, dass Wehrpflichtige, die durch extremistisches Gedankengut auffallen, nicht mehr als Zeitsoldaten übernommen werden. Im Dezember 2016 wurde beschlossen, dass alle Bundeswehrbewerber vorab vom MAD durchleuchtet werden, um Extremisten von der Truppe fernzuhalten. Dennoch ist Rechtsextremismus auch weiterhin ein großes Problem in der Bundeswehr, nach Angaben von SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold ein wachsendes. Laut Verteidigungsressort bearbeitet der MAD derzeit 280 Verdachtsfälle von Rechtsextremismus. Zwischen 2012 und 2016 wurden zudem 18 Soldaten vorzeitig wegen Rechtsradikalismus entlassen.

Wie offensichtlich war der Fall Franco A.?
Franco A. hatte Wehrmachtsdevotionalien in seiner Stube. Dazu gehört nach Berichten vom Wochenende auch das Gehäuse eines Sturmgewehrs mit eingeritztem Hakenkreuz. Ermittler entdeckten inzwischen auch Schmierereien und Kritzeleien, die "H...H" (mutmaßlich für "Heil Hitler") oder "H...J" heißen könnten. Wie offen Franco A. seine rechtsextreme Gesinnung im Umgang mit Kameraden und Vorgesetzten zeigte, ist derzeit noch nicht geklärt.

Welche Rolle spielte die Masterarbeit des Offiziers?
2013 verfasst Franco A. seine Abschlussarbeit an der Militärakademie Saint-Cyr. Überschrieben mit dem Titel "Politischer Wandel und Subversionsstrategie", bietet sie ein Sammelsurium von völkischen Thesen und Verschwörungstheorien. Der Soldat schreibt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung von einem "Genozid der Völker in Westeuropa", der durch "massive Einwanderung" ausgelöst werde. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen dürfe man nicht aus der "Froschperspektive" betrachten, sondern wie ein General, der vom Feldherrenhügel aus einen Blick auf das komplette Geschehen hat und daraus ableiten kann, "was der Feind als Nächstes tun will", zitiert die Deutsche Presse-Agentur aus der Masterarbeit. Der britische Holocaust-Leugner David Irving wird als Opfer subversiver Aktivitäten dargestellt, der Tod des FDP-Politikers Jürgen Möllemann als Geheimdienstoperation.

Welche Versäumnisse gab es in der Bewertung dieser Arbeit?
Zunächst lehnte der zuständige General der Militärakademie, Antoine Windeck, die Masterarbeit des Deutschen im Januar 2014 als völkisch und rassistisch ab. Er informierte A.s Vorgesetzten und erklärte: "Wenn es ein französischer Lehrgangsteilnehmer wäre, würden wir ihn ablösen." Die Bundeswehr leitete Vorermittlungen gegen Franco A. ein und beauftragte einen wissenschaftlichen Gutachter. Dieser sprach nach Informationen der Süddeutschen Zeitung (SZ) von einem "radikalnationalistischen, rassistischen Appell", der "alle Merkmale einer Verschwörungstheorie aufweise". Dieser Expertise folgte eine Anhörung und eine "mündliche Ermahnung" – dann wurde der Fall eingestellt und der Militärische Abschirmdienst (MAD) nicht informiert. Laut SZ kamen die Verantwortlichen zu dem Ergebnis, dass es keine Zweifel an der Einstellung von Franco A. zur Werteordnung gebe. Er habe die strittigen Thesen lediglich "präsentiert" und sei "angesichts der ihm unzweifelhaft zugeschriebenen hohen Intellektualität ein Opfer seiner eigenen intellektuellen Fähigkeit in der Darstellung" geworden.

Worauf konzentrieren sich die Ermittler?
Nach Angaben von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen durchleuchtet die Bundeswehr derzeit den Werdegang von Franco A. Der CDU-Politikerin gehe es darum, "aufzuklären, mit wem er wo wann Kontakt gehabt hat". Die Ermittler haben inzwischen Hinweise darauf, dass der Oberleutnant nicht allein gehandelt hat, sondern Teil einer Gruppe von fünf Soldaten mit rechtsextremer Gesinnung war. Nach Recherchen der ZEIT konzentrieren sich die Ermittler vor allem auf einen Mann namens Maximilian T., der eine handschriftliche "Todesliste" mit möglichen Anschlagszielen und Attentatsopfern verfasst haben soll. Die Bundeswehr selbst geht zudem Hinweisen nach, dass bei einer von Franco A. geleiteten Schießübung Munition verschwunden worden sein soll.