Der Wehrbeauftragte des Bundestags hat die scharfe Kritik von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) missbilligt, wonach es in der Bundeswehr eine Führungsschwäche und ein Haltungsproblem gebe. Zwar habe die Truppe "jede Menge Probleme", sagte Hans-Peter Bartels (SPD) im Bayerischen Rundfunk mit Blick auf den rechtsextremen Offizier, der mutmaßlich terroristische Absichten verfolgt hat. "Aber wenn Frau von der Leyen nun sagt, es gebe ein Führungsproblem, dann muss man natürlich sagen: Führung fängt oben an."

Bartels verwies darauf, dass die Ministerin in ihrer dreieinhalbjährigen Amtszeit selbst gegen die Probleme hätte vorgehen können. In diesem Sinne richte von der Leyen hier nun einen Appell an sich selbst.

Von der Leyen ist seit 2013 Verteidigungsministerin. In einem offenen Brief an die Angehörigen der Bundeswehr hatte sie geschrieben, dass die jüngsten Skandale in der Truppe keine Einzelfälle mehr seien. In der Truppe gebe es ein Haltungsproblem sowie Führungsschwäche und "falsch verstandenem Korpsgeist".

Von der Leyen hatte mit ihrer Kritik auf den Fall des Oberleutnants Franco A. reagiert. Der Offizier sitzt seit seiner Festnahme am Mittwoch in Frankfurt in Untersuchungshaft. Der mutmaßliche Rechtsextremist soll als Flüchtling getarnt eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet haben. Nach Angaben von Ermittlern führte der Mann aus Offenbach eine Liste mit möglichen Anschlagszielen. Auch ein 24-jähriger mutmaßlicher Komplize sitzt in U-Haft.

Auch der frühere Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat bezeichnete die Vorwürfe der Ministerin als "sehr bedauerlich". Sie seien "das Gegenteil von Führungsverantwortung". Das hätten die Soldaten nicht verdient. "Ich frage mich, wie sie deren Achtung und Vertrauen wiedergewinnen will", sagte Kujat der Rheinischen Post.

Aus ihrer eigenen Partei erhielt von der Leyen dagegen Unterstützung. Der verteidigungspolitische Sprecher der Union im Bundestag, Henning Otte (CDU), sagte im rbb-Inforadio: "Frau von der Leyen ist als Bundesverteidigungsministerin geradezu ein Bild dafür, dass sie aufklärt, dass sie die Dinge beim Namen nennt und anspricht. Aber es gibt jetzt eine Reihe von Vorfällen, die gemeinsam haben, dass die Dinge vor Ort nicht nach oben gemeldet worden sind. Das muss sich verändern."

Von der Leyen habe zudem einen offenen Brief an die Soldaten geschrieben. Darin habe sie versichert, dass die überwiegende Mehrheit tadellos ihren Dienst leiste.

Bereits am Wochenende hatte es massive Kritik an von der Leyens Äußerungen gegeben. "Politiker an Bundeswehrstandorten, Menschen aus der Bundeswehr und Angehörige, viele Soldaten im Auslandseinsatz – alle sind über diese Verallgemeinerungen entsetzt", sagte der Vorsitzende des Bundeswehr-Verbandes, André Wüstner, der Augsburger Allgemeinen. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, forderte von der Leyen auf, sich zu entschuldigen.