Nach sieben Jahren in der Regierungsverantwortung ist nur noch Frust übrig: Mit versteinerter Miene trat Sven Lehmann am Wahlabend vor seine Anhänger. "Wir müssen wieder mehr Ecken und Kanten zeigen", sagte der Landesvorsitzende der NRW-Grünen. Lehmanns Worte lassen sich verstehen als Aufruf zum Richtungskampf. In den kommenden Wochen könnte er die gesamte Partei verändern.

Aus was sich der Frust bei den NRW-Grünen speist, zeigt unfreiwillig ein Wahlwerbespot der NRW-Grünen auf Facebook. Der Clip zeigt eine Szene aus dem Monty-Python-Film Das Leben des Brian. Im Original debattieren Bewohner Judäas über die römischen Besatzer. In der neu synchronisierten Version ruft John Cleese seinen Anhängern zu: "Was haben die Grünen je für uns getan, frage ich?" Er wird überrascht von den plötzlichen Antworten. "Fracking ausgeschlossen", ruft eine Stimme. Eine andere: "Und die Kita-Plätze verdoppelt!",  "Garzweiler verkleinert!", "Ganztagsschulen!". Die Liste geht weiter. Schließlich platzt Cleese der Kragen: "Halt die Klappe!"

Das Video steht für das grundsätzliche Dilemma der Partei: Auf der einen Seite kritisieren ihre Anhänger, sie habe in sieben Regierungsjahren in Düsseldorf nur wenig erreicht. Auf der anderen Seite schlägt ihr der Hass vieler Bürger entgegen für das, was die Grünen erkämpft haben. Nachhaltigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, Umweltschutz – die Gegner der Grünen sehen darin einen moralisierenden Regelungswahn und einen Eingriff in ihre Lebensweise. Das Ergebnis ist ein Paradox. Die Grünen gelten als ohn- und allmächtig zugleich.

Nichts zeigt das besser als die Bildungspolitik. Für 29 Prozent der nordrhein-westfälischen Wähler war sie laut infratest dimap das wichtigste Thema. 70 Prozent der Befragten waren in diesem Bereich mit Rot-Grün unzufrieden. Nur noch vier Prozent der Wähler hielten die Grünen in der Schul- und Bildungspolitik für kompetent – statt 13 Prozent im Jahr 2012. Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann hat diese Politik sieben Jahre lang als Kultusministerin verantwortet. Ein niederschmetterndes Urteil.

Grünen-Sympathisanten hielten Löhrmann vor, sie habe zu wenig getan gegen Unterrichtsausfall und die schlechte Ausstattung von Schulen. Ihre Gegner kritisierten sie für ihre – von der UN eingeforderten – Maßnahmen, Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten. Löhrmann stand zwischen allen Stühlen. Und so ruft im Grünen-Spot niemand stolz "Inklusion!".

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Das Ergebnis des Dilemmas: Die Grünen sind bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen abgestürzt, von 11,3 Prozent im Jahr 2012 auf 6,4 Prozent. Das schlechte Ergebnis dieser Landtagswahl könnte schon bald den Kurs der gesamten Partei verändern. Denn die 12.500 NRW-Grünen bilden rund ein Fünftel aller Mitglieder. Ohne den größten Landesverband geht auf Bundesparteitagen wenig.  

Die Niederlage hat den Grünen-Landesverband von der ungeliebten Regierungsverantwortung befreit. Ohne die Realpolitikerin Löhrmann in der künftigen Fraktionsführung können seine Mitglieder auch im Bund einen anderen Ton anschlagen – linker und provokanter.

Jetzt können die Grünen angreifen

Danach sehnen sich viele Grüne in Westfalen, im Rheinland und im Ruhrgebiet. Koalitionen mit den Sozialdemokraten waren stets eine Last, denn die NRW-Genossen sind extrem strukturkonservativ. Jede Stilllegung eines Kohlekraftwerks, jede Debatte um Verkleinerung des Braunkohletagebaus in Garzweiler geriet so zum ermüdenden Duell. Das ist vorbei.

Nun können die NRW-Grünen auf Konfrontationskurs zur Führungsriege in Berlin gehen. Zu verlieren haben sie wenig. Sie stellen keinen der beiden Bundesvorsitzenden und keinen der zwei Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf. Im Gegenteil müssen sie versuchen, den durch ihre Niederlage weiter wachsenden Einfluss Winfried Kretschmanns einzudämmen. Baden-Württembergs Ministerpräsident steht für die Öffnung der Partei für Bündnisse mit der Union – auch auf Bundesebene. Hingegen hat eine große Mehrheit der NRW-Grünen kurz vor der Wahl ein Bündnis mit der Union ausgeschlossen. Eine mögliche Koalition im Bund muss sie da erst recht empören.

Als Argument für einen provokanteren Kurs, bei dem auch vor Maximalforderungen nicht zurückgeschreckt werden könnte, würde möglicherweise gegen die schlechten Umfrageergebnisse im Bund helfen. Wie in Düsseldorf, so müssen die Grünen auch in Berlin um den Wiedereinzug ins Parlament bangen. Umfragen sehen sie derzeit zwischen sieben und acht Prozent. Verfestigt sich der Frust über zugleich all- und ohnmächtig wirkende Grüne, könnte es auch bei der Bundestagswahl im September für sie knapp werden.

Eine mögliche Antwort darauf lautet also tatsächlich, wieder mehr Ecken und Kanten zu zeigen. Ja zu Inklusion, ja zu ambitionierten Klimaschutzzielen, ja zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Denn wer offensiv zu seinen Werten steht, der bekehrt nicht seine Gegner, aber mobilisiert seine Anhänger. Die Grünen können da ausgerechnet von ihrer Lieblingsgegnerin etwas lernen: der FDP.