CDU - Der Merkel-Effekt in Schleswig-Holstein Für CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther hätten die Auftritte der Kanzlerin "entscheidend" zum Wahlsieg beigetragen. In der CDU wächst die Hoffnung, dass der sogenannte Schulz-Effekt keine große Gefahr darstellt. © Foto: Kay Nietfeld/dpa

Vier Minuten nehmen sich SPD-Chef Martin Schulz und Noch-Ministerpräsident Torsten Albig, um öffentlich die Wahlniederlage in Schleswig-Holstein aufzuarbeiten. "Wir sind heute morgen nicht fröhlich und es hat auch keinen Zweck, so zu tun", sagt Schulz, als er sich mit dem Parteivorstand in der Berliner Zentrale, dem Willy-Brandt-Haus, an die Presse und die Mitarbeiter wendet: "Wir haben unser Wahlziel nicht erreicht."

Trotz Albigs Amtsbonus hat die SPD über drei Prozentpunkte eingebüßt und liegt im neuen Kieler Landtag fünf Prozent hinter der CDU. Während Kommentatoren vom Ende des Schulz-Effekts sprechen, versucht die SPD den Druck von ihrem Parteivorsitzenden abzuwenden. SPD-Vize und Landeschef Ralf Stegner nimmt ihn im Deutschlandfunk in Schutz: "Martin Schulz hat uns wirklich unterstützt und eher geholfen."

Generalsekretärin Katarina Barley schob noch am Wahlabend die Verantwortung Richtung Spitzenkandidat: Man habe zu viel über das Privatleben des Ministerpräsidenten gesprochen, sagte sie im NDR. Sie spielt damit auf ein Interview an, das Albig der Bunten gegeben hatte, in dem er über seine Scheidung sprach: "So sehen wir auch, dass offensichtlich vor allem Frauen weniger die SPD gewählt haben."

Am Morgen nach der Wahl hält sich der Parteichef zurück mit Schuldzuweisungen und ebenso mit Erklärungen. Kein öffentliches Wort über die Ursachen für die Wahlniederlage. In der SPD gelte das Prinzip der Solidarität miteinander, "und deshalb will ich mich bedanken bei Torsten Albig für den großen Kampf und fünf erfolgreiche Regierungsjahre". Ein paar warme Worte, ein roter Blumenstrauß für den Verlierer, das war's. Nach zwei Minuten ist dann Albig selbst dran und stellt sich hinter das Mikrofon. 

"Es war ein guter Wahlkampf", bilanziert er die letzten Monate. Warum die Wahl so deutlich verloren ging, erklärt er nicht. Worte zu seiner persönlichen Zukunft spart er aus. Der SPD wünscht er ein gutes Ergebnis im September: "Der Kampf geht weiter."

Nordrhein-Westfalen ist für die SPD ein Schlüsselland

Mehr ist dem Parteivorstand öffentlich nicht zu entlocken, keine Nachfragen. Intern läuft die Analyse der Niederlage natürlich. Im Bundestagswahljahr hat die SPD schon zwei Landtage verloren. Am Sonntag wird in Nordrhein-Westfalen gewählt, einem Schlüsselland für die Sozialdemokraten. Da hätte ein Wahlsieg in Schleswig-Holstein gutgetan.

Am Thema Gerechtigkeit, das die SPD auch an der Küste plakatiert hatte, habe es jedenfalls nicht gelegen, glaubt der Parteivorstand laut einem Teilnehmer. Vielmehr sei man mit dieser Botschaft nicht richtig durchgedrungen. In den letzten Wahlkampftagen habe man viel über Bildung, Energie und Abschiebungen nach Afghanistan gesprochen – vielleicht etwas zu viel. Dazu ein Herausforderer, der für nichts steht und in den sich deshalb alle Hoffnungen hineinprojizieren lassen. All das, zusammen mit einem Amtsinhaber, der nie besonders populär war, in einem strukturkonservativen Land, habe die SPD die Wahl gekostet. Die SPD gibt sich Mühe, das Wahlergebnis Kiel und nicht der Berliner Parteiführung anzulasten.

Rückenwind aus Berlin

Bei der CDU spricht man dagegen umso lieber darüber, dass der Schulz-Effekt sich für die SPD auch bei dieser Landtagswahl wieder nicht ausgezahlt hat. Im Gegensatz zur SPD habe er Rückenwind aus Berlin gehabt, schmeichelt Wahlsieger Daniel Günther seiner Vorsitzenden, als er mit ihr gemeinsam in der CDU-Zentrale vor die Presse tritt. Da muss die Kanzlerin, die ansonsten bemüht ist, jeden Anschein von Triumphalismus zu vermeiden, dann zur Abwechslung doch mal etwas lächeln.

Keine Frage: Für die CDU ist dieser Wahlausgang eine angenehme Überraschung. Noch vor wenigen Wochen hatte kaum einer zu hoffen gewagt, dass der bundespolitisch weitgehend unbekannte Fraktionschef, der gerade mal ein halbes Jahr auch Vorsitzender der Landespartei war, diese Wahl gewinnen könnte. "Normalerweise" sei es ja so, dass die Amtsinhaber im Vorteil seien, weil sie sich durch ihre Bilanz ausweisen könnten, sagt Merkel. Tatsächlich hat seit 2005 kein CDU-Spitzenkandidat mehr geschafft, was diesem blondlockigen, 43-jährigen Newcomer mit dem norddeutsch eingefärbten Tonfall nun gelingen könnte: für die CDU aus der Opposition heraus das Ministerpräsidentenamt zu erobern.