12 Prozent hat die FDP in Nordrhein-Westfalen geholt. Für Parteivize Wolfgang Kubicki ist damit der Weg zurück in die Bundespolitik geebnet, viele Liberale sind geradezu berauscht von ihrem Siegeszug. Immer wieder hört man: "Wir werden es schaffen!" Doch genau in dieser Euphorie sieht FDP-Chef Christian Lindner, der im bevölkerungsreichsten Bundesland das historisch beste Ergebnis für seine Partei erzielt hat, eine große Gefahr: "Ich warne meine Partei davor, zu glauben, es sei jetzt alles gut und ein Automatismus", sagt er in der ARD. Die Haltung, die sie sich in vier Jahren in der außerparlamentarischen Opposition erarbeitet habe, sollte sie auch beibehalten: "Selbstbewusstsein bei den Grundüberzeugungen, aber was uns als Partei, als Organisation angeht, ein bisschen Demut, ein bisschen Selbstironie", wünscht sich Lindner. "Wir bleiben auf dem Teppich, und das ist die Voraussetzung dafür, dass es im Bund auch wieder klappt."

Tatsächlich stehen die Chancen gut für einen Wiedereinzug, im Deutschland-Trend liegt die FDP derzeit bei 8 Prozent. Das ist die Frucht harter Arbeit, die vor allem Kubicki und Lindner geleistet haben. Nicht nur, dass sie bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein mit 11,5 Prozent und NRW mit 12,6 Prozent triumphale Ergebnisse erzielt haben und nun sogar um Regierungsbeteiligungen verhandeln: Sie haben sich der Partei 2013 angenommen, als diese am Boden lag, und haben sie Stück für Stück wieder aufgebaut. Personell und mit einer breiteren Programmatik, die etwa Bildung und Digitalisierung in den Fokus stellt. Auch Steuersenkungen sind noch ein Thema, aber kein alleiniges mehr. "Wir haben uns unseren Fehlern gestellt, haben uns erneuert", sagt Lindner. Er hat dafür gesorgt, dass die Partei sich über die Länder neu belebt. Und so ist der aktuelle Erfolg kein plötzlicher, sondern ein gewachsener, der die Partei langfristig wieder stabil machen kann.

Lindner zieht es nach Berlin

Kubicki und Lindner haben sich zu zwei Identifikationsfiguren entwickelt, die untrennbar mit der FDP verbunden sind. Kubicki galt einst als Enfant terrible der Liberalen, heute wird der 65-Jährige als Meister des Bonmots tituliert, der keine Gelegenheit auslässt, pointiert mit Selbstironie und Chuzpe aufzutreten – im Wahlkampf gab Kubicki sogar den Küsten-Trump: "I'll make Schleswig-Holstein great again." Sein Witz und seine präzisen Reden haben den Ton im Kieler Politikbetrieb geprägt. Er kommt an. Sogar im Umfragetief vor fünf Jahren bescherte er seiner Partei ein Ergebnis von 8,2 Prozent – Kubicki-Effekt, nennen das manche.

Ebenso unübersehbar ist der Lindner-Effekt auf Landes- und Bundesebene. Der 38-Jährige war der beliebteste Politiker im NRW-Wahlkampf. Er versprach, NRW zum Gründerland Nummer eins zu machen, mit mehr Geld für Schulen, Hochschulen und die Forschung eine Bildungsrevolution zu starten. Knapp 200.000 Wähler anderer Parteien gaben ihm dafür ihre Stimme. Und das, obwohl Lindner im Wahlkampf bereits ankündigte, bei einem Wiedereinzug der FDP in den Bundestag nach Berlin zu wechseln. NRW bliebe er dann nur noch vier Monate erhalten, Fraktionsvize Joachim Stamp würde nachrücken.

Koalition nur mit liberaler Handschrift

Doch Lindner darf noch verhandeln: Weil die Linken den Einzug in den Landtag verpasst haben, reicht es gerade eben für eine schwarz-gelbe Mehrheit. Zu Koalitionsgesprächen mit CDU-Gewinner Armin Laschet ist Lindner bereit, betont aber, dass seine Partei ihre Eigenständigkeit nicht verlieren wolle und ein Koalitionsvertrag die klare FDP-Handschrift tragen müsse – ansonsten gehe die Partei lieber in die Opposition.

Dennoch reizt die Liberalen natürlich die Regierungsbeteiligung, denn Lindner weiß auch: "Für die Bundestagswahl würde es keinen besseren Auftakt geben" als einen Regierungswechsel in NRW unter liberaler Beteiligung. Und: "Der Weg in den Bundestag ist noch lang und schwierig." Da kommt es auf jeden positiven Effekt an. Immerhin hat der doppelte Spitzenkandidat ein Versprechen bereits eingelöst: Vom Maschinenraum NRW aus wollte er die Wiederauferstehung der FDP organisieren. Vorerst ist das geglückt.