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Im Regionalzug von Essen nach Gladbeck. Schmucke Siedlungen, dann eine von Bahngleisen zerfurchte Landschaft. Lagerhallen, Straßengewirr, Schrott und Gestrüpp. Im Abteil arabische Jungmänner, aufgestylt. Ein Afrikaner sieht unbewegt aus dem Fenster, die Bottroper Zeche Prosper-Haniel gerät ins Blickfeld, sie ist der letzte aktive Pütt des Ruhrgebiets und soll Ende des kommenden Jahres geschlossen werden.

Ausstieg Gladbeck-West. Hier sieht es aus, als habe ein Filmregisseur sämtliche Klischees verwendet, die es von der Emscher-Lippe-Region des Ruhrgebiets gibt.

Unkraut wuchert auf dem unüberdachten Bahnsteig, das einstige Stellwerk des Fahrdienstleiters ist mit Graffiti übersät. Die Station sollte mal in "Gladbeck Hauptbahnhof" umbenannt werden, doch davon wurde Abstand genommen. In der Nähe des Bahnhofsbungalows wirbt ein verblichenes Plakat mit dem Foto von Michael Schumacher für Produkte einer Baufirma. Zwei Frauen mittleren Alters unterhalten sich. "Ich würd ja gerne mehr putzen", sagt die eine, "aber die stellen alle nur für 450 Euro ein. Personaleinsparung."

Ein paar Hundert Meter weiter: der Ort des jüngsten Skandals. Die Artur-Schirrmacher-Sporthalle, ein Backsteinbau, benannt nach einer lokalen Sportgröße. Hier musste Ende Januar das Endspiel der Meisterschaften im Hallenfußball abgebrochen werden, nachdem türkischdeutsche Fußballfans den Schiedsrichter angegriffen und mit einer überdimensionalen Türkeifahne das Spielfeld gestürmt hatten.

Aber diesmal geht es um Fußball

"Das war organisiert", behauptet Ulrich Roland, Bürgermeister und seit 34 Jahren SPD-Mitglied. "Ihr Verein, der F.S.M. Gladbeck, lag mit 2:6 im Rückstand. Kurz vor Spielschluss kamen die Sprechchöre 'Türkiye, Türkiye', es gab Einpeitscher mit dem Gesicht zum Publikum, und es wurden Gegenstände aufs Spielfeld geworfen."

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Die "türkische Community", wie sie im Rathaus genannt wird, umfasst etwa 12.000 Menschen, ein Sechstel der Stadtbevölkerung. Von Spannungen mit ihr ist selten zu hören. Vor zwei Jahren gab es Streit um den Ruf des Muezzins der Ditib-Moschee, doch an ihn hat man sich gewöhnt. Gladbeck, die ehemalige Bergarbeiterstadt, hat schließlich stets mit der Immigration gelebt. Aber diesmal geht es um Fußball.

Und der hält die Stadt zusammen, in der es keine Großbetriebe mehr gibt und wo 15 Prozent der Bürger von Hartz IV leben. Die Zechen sind schon seit 1971 geschlossen; das Siemens-Werk, einst Symbol eines Strukturwandels, machte 1991 dicht. Aber die sozialdemokratische und christliche Arbeitertradition des Zusammenhalts ist lebendig geblieben. Eine Vielzahl von Ehrenamtlichen kümmert sich um alles Mögliche, besonders um den Sport, insbesondere den Fußball, mit Gewaltprävention und Jugendarbeit und alledem.

Und dann so etwas? Unmittelbar nach den Vorfällen im Endspiel beschloss der Stadtsportverband, die Meisterschaft 2018 auszusetzen sowie den Verein F.S.M. Gladbeck für drei Jahre von den Turnieren auszuschließen. Harte Nummer.

"Das war 'n Schlag in die Magengrube"

Damit war der Fall aber nicht erledigt. Welche Emotionen er an die Oberfläche steigen lässt, das erweist sich noch viele Wochen später auf der Sitzung des Sportausschusses der Stadt.

An einem Abend Mitte März sitzen 26 Männer und 2 Frauen im Rathaus beieinander, zunächst gut gelaunt, man berät neue Sportförderrichtlinien (mehr Geld für die Jugendarbeit), dann aber wird der letzte Tagesordnungspunkt aufgerufen: die Hallenmeisterschaft.

Das Wort hat der 69-jährige Hartmut Knappmann, 1. Vorsitzender des Stadtsportverbands, ein väterlicher Typ. Den drei Vertretern des F.S.M. Gladbeck, dem fast nur türkischstämmige Sportler angehören, empfiehlt er freundlich eine "Antiaggressionsschulung": "Das solltet ihr mal machen. Wird man auch finanzieren können." Doch schon werden andere Stimmen laut: "Das war 'n Schlag in die Magengrube. Was sollte das mit der Fahne? Sie leben hier und verdienen hier Ihr Geld und haben 'nen deutschen Pass: Und dann ist auf einmal die Türkei für Sie die Nummer eins?"

Die Stimmung kippt. Die deutsche Integrationsdebatte bricht ins Gladbecker Rathaus ein, wo fünf türkischstämmige Bürger im Stadtrat sitzen und man sonst gern "unsere Türken" sagt.

"Herr Güntekin versteht nicht so gut Deutsch"

Hasan Yanik, der Sprecher des F.S.M, bleibt freundlich: "Wir entschuldigen uns. Wir sind ja noch ein junger Verein und müssen viel lernen. Wir werden nun drei Jahre lang nicht eingeladen, das ist bitter, aber wir wollen alles besser machen." Neben Yanik sitzt ein finster blickender älterer Herr und schweigt. Das ist Mehmet Güntekin, der Vereinsvorsitzende.

Der Gladbecker CDU-Mann Dieter Rymann fühlt sich von dem stummen Gast provoziert: "Der verzieht ja überhaupt keine Miene. Versteht der Mann uns überhaupt?" Jetzt regt Yanik sich doch auf: "Herr Güntekin versteht nicht so gut Deutsch. Soll er deswegen kein Vereinsvorsitzender sein? Wo ist da die Integration?"

Auftritt des SPD-Vertreters Klaus Omlor. Er lässt seinem Zorn freien Lauf. "Überhaupt, wie heißt Ihr Verein in Wahrheit? Sie sagen, F.S.M. steht für Freie Sportmannschaft. Aber ich glaube, Sie erzählen uns da einen vom Pferd. Wir haben ein YouTube-Video übersetzen lassen, wo ein Vereinsvertreter sagt, es bedeute Fatih Sultan Mehmet – das ist Sultan der Eroberer, der halb Südeuropa in Schutt und Asche gelegt hat. Das wär ja so, als würde man eine Ferienanlage in Antalya nach einem Kreuzritter benennen. Das müssen Sie mal in Ihren Kopf reinkriegen!"