Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: Bei der CDU feierten sie am Abend dieser denkwürdigen Landtagswahl bis in die Puppen berauscht ihren Triumph – und die Aussicht, womöglich bald selbst den Ministerpräsidenten zu stellen. Bei der SPD hingegen räsonierten zur gleichen Zeit deprimierte Genossen beim fünften Bier darüber, welche Ressorts die Grünen wohl in einer Jamaikakoalition übernehmen würden – oder wie der bisherige Koalitionspartner vielleicht doch noch bei der Stange zu halten wäre.

Das Hochgefühl der CDU könnte verfrüht sein, die Niedergeschlagenheit der SPD überzogen. Denn auch wenn der CDU-Herausforderer Daniel Günther als klarer Sieger aus der Wahl hervorgeht und der bisherige SPD-Regierungschef Torsten Albig als ebenso eindeutiger Verlierer: Ausgemacht ist noch gar nichts.

Wer Ministerpräsident in Kiel wird oder bleibt, haben jetzt Grüne und FDP in der Hand: Entweder wird Günther eine schwarz-grün-gelben Jamaikakoalition führen oder die SPD ein rot-grün-gelbes Ampelbündnis. Zwar hat Wolfgang Kubicki, der Spitzenmann der FDP, gerade eine Ampel unter Albig ausgeschlossen – aber das lässt immer noch die Möglichkeit offen, das ein anderer Genosse das Amt des Regierungschefs übernimmt. Die kleinen Parteien sind die eigentlichen Wahlgewinner. Sie haben beide ein zweistelliges Ergebnis erzielt, und das verschafft ihnen strategisch eine außerordentlich günstige Position.

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Der Vorteil der beiden großen kleinen Parteien im Norden: Sie sind selbstbewusst, auf kein Lager festgelegt und weitgehend unideologisch. Für die Grünen sind weder die Christdemokraten noch die Liberalen ein Schreckgespenst; sie trauen sich zu, auch in einem Bündnis mit ihnen ihre Ziele durchzusetzen. Und FDP-Spitzenmann Wolfgang Kubicki sieht die Sache ohnehin gelassen: Er will im September in die Bundespolitik wechseln und strebt in Kiel kein Amt an. Seine Parteifreunde können sich, trotz Präferenz für Jamaika, auch eine Ampel vorstellen. Schließlich regiert ein solches Bündnis auch schon in Rheinland-Pfalz recht reibungslos.

So können Grüne und FDP jetzt in aller Ruhe abwarten, welche Angebote ihnen CDU und SPD  machen werden – in dem sicheren Bewusstsein, dass sie in jedem Fall mitregieren werden. Denn eine große Koalition als dritte Option will in Schleswig-Holstein niemand, weder Christ- noch Sozialdemokraten. Zu schlecht sind die Erfahrungen, die sie in ihrer bisher einzigen gemeinsamen schwarz-roten Streitregierung von 2005 bis 2009 gemacht haben, und zu groß sind die politischen und persönlichen Gegensätze zwischen den beiden großen Parteien.

Zwei angesehene grüne Minister

Die Grünen und die Liberalen werden hoch pokern: Die Grünen werden darauf beharren, dass Robert Habeck Umweltminister bleibt und der Ausbau der Windenergie unter ihm weitergeht. Die FDP wird wie die CDU auf mehr Investitionen in die Infrastruktur und den Weiterbau der umstrittenen Autobahn A20 pochen. Das sind die einzigen absehbaren Streitpunkte in beiden Bündnissen. Die SPD wird in ihrer Lage nicht viel fordern können. Das Finanzministerium, das bisher die Grüne Monika Heinold führt, will ohnehin keiner haben: Niemand will sich mit den Milliardenlasten der HSH-Nordbank herumschlagen.

So könnte Günther am Ende trotz seines Wahlsiegs leer ausgehen und die SPD sich nach Tagen des Schreckens doch noch berappeln. Denn nirgendwo ist festgeschrieben, dass der Anführer der stärksten Partei die Regierung führen muss, auch wenn er erst einmal in der Vorhand ist.

Was die Grünen von ihren Parteifreunden im Norden lernen können

Die Lehren für die Bundespolitik: Wenn die Bundesgrünen sich aus ihrem Abwärtsstrudel befreien und von den Parteifreunden im Norden lernen, wenn sie ihre überholten Flügelkämpfe endlich überwinden und sich auf ihre eigentlichen Ziele besinnen, wenn die FDP ebenfalls ihre Eigenständigkeit bewahrt – dann könnte es nach der Bundestagswahl vielleicht doch noch spannend werden. Auch wenn es im Moment nach der Wahl in Schleswig-Holstein und vor der in Nordrhein-Westfalen mehr denn je nach einem Durchmarsch der CDU aussieht.

Grüne und FDP könnten in einer Woche auch in NRW entscheiden, wer Ministerpräsident(in) wird oder bleibt, und im September in Berlin, ob Angela Merkel eine vierte Amtszeit antritt oder nicht. Das ist die kleine Hoffnung, die die SPD und ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz aus der für sie so deprimierenden Wahl im Norden schöpfen können – wenn sie es geschickt anstellen und jetzt nicht in Schockstarre verfallen: Entschieden ist noch gar nichts.