ZEIT ONLINE: Die Grünen sind in Nordrhein-Westfalen beinahe halbiert worden. Sie haben in Schleswig-Holstein eine Woche zuvor fast doppelt so viele Stimmen geholt. Was haben die Parteifreunde in Düsseldorf so viel schlechter gemacht als Sie?

Monika Heinold: Ich kann nur für uns sagen, was wir hier in Schleswig-Holstein richtig gemacht haben. Wir waren mit unseren Themen und mit Robert Habeck und mir als Spitzenkandidaten erfolgreich. Die Wähler haben unsere gute Regierungsarbeit honoriert. Sie trauen uns zu, dass wir auch in einer neuen, anderen Regierung erfolgreiche grüne Politik machen.

ZEIT ONLINE: War es also ein Fehler der Grünen in NRW, anders als Sie eine Jamaikakoalition vor der Wahl auszuschließen?

Heinold: Das entscheidet jeder Landesverband für sich. Ich glaube, unser Weg in Schleswig-Holstein war richtig, zumindest für dieses Land. Wer frühzeitig auf eine Ausschließeritis verzichtet, verhindert, dass es bei komplizierten Wahlergebnissen immer nur auf eine Große Koalition hinausläuft …

ZEIT ONLINE: … oder auf Schwarz-Gelb – wie jetzt wahrscheinlich in NRW.

Heinold: Genau.

ZEIT ONLINE: In NRW ist Rot-Grün abgewählt worden, in Schleswig-Holstein die rot-grün-blaue Küstenkoalition. Wieso hat das Ihrer Partei in Kiel nicht geschadet, anders als in Düsseldorf?

Heinold: Wir haben hier im Norden sehr früh klargemacht, dass wir einen eigenständigen, selbstbewussten und vor allem landesbezogenen Wahlkampf führen. Und wir haben mit dem Team Heinold/Habeck die Wähler überzeugen können, dass eine grüne Regierungsbeteiligung für unser Land in jedem Fall positiv ist.

ZEIT ONLINE: Wie groß ist denn der Anteil der jeweiligen Spitzenkandidaten? In NRW stand Sylvia Löhrmann wegen ihrer Schulpolitik heftig in der Kritik. Sie und Robert Habeck waren dagegen offenbar starke Zugpferde.

Heinold: Die Grünen in NRW müssen jetzt selbst analysieren, woran es gelegen hat. Ich kann nur sagen: Die Wähler in Schleswig-Holstein wollten Robert Habeck als Umweltminister und mich als Finanzministerin offenbar weiter in Regierungsverantwortung sehen.

ZEIT ONLINE: Welche Schlussfolgerungen sollte Ihre Bundespartei aus den beiden Wahlergebnissen ziehen? Sind Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir das falsche Spitzenduo? Wäre Robert Habeck trotz seiner knappen Niederlage bei der Urwahl vielleicht doch der bessere Kandidat für die Bundestagswahl?

Heinold: Die Mitglieder haben sich für dieses Spitzenduo entschieden. Wenn sie eine Mitgliederbefragung machen, können sie nicht hinterher das Ergebnis über den Haufen werfen. Wichtig ist aber, dass Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt jetzt eine deutliche Linie vorgeben, die dann von der Partei unterstützt und durchgehalten wird. Wir brauchen klare Orientierung, wofür wir Grüne im Herbst antreten und weshalb es wichtig ist, dass wir auch im Bund so stark werden wie in Schleswig-Holstein.

ZEIT ONLINE: Ökologie scheint im Moment angesichts der weltpolitischen Lage für die Bürger nicht das Hauptthema zu sein. Mit anderen Themen dringen die Parteifreunde in Berlin aber kaum durch.

Özdemir und Göring-Eckardt müssen eine Linie vorgeben

Heinold: Ökologie ist die Kernkompetenz der Grünen. Klimaschutz, Energiewende, Verkehrswende, Agrarwende – das sind die Themen, bei denen uns die Bürger am meisten zutrauen. Wir haben sie hier in Schleswig-Holstein groß und stark gemacht und damit knapp 13 Prozent geholt. Es kann also durchaus gelingen, mit Ökologie erfolgreich Wahlkampf zu machen. Wichtig ist jedoch, die ökologische Modernisierung positiv zu definieren, Lebensfreude zu vermitteln, gesunde Ernährung, gesundes Wasser, saubere Energie, Tierwohl, Generationenverantwortung als Zukunftsgestaltung für alle zu kommunizieren und nicht als Einschränkung und Verzicht.

ZEIT ONLINE: Also nicht oberlehrerhaft und in einer Vorschreibeart, die viele Wähler nervt?

Heinold: Ja, wir müssen in den Dialog mit den Menschen treten. Klimaschutz, Umweltschutz, eine neue Energiepolitik sind Grundlagen für das Überleben der Menschheit. Aber wir müssen das in einer Weise rüberbringen, dass die Bürger mit einer ökologischen Ausrichtung der Gesellschaft nicht Verzicht und Leid verbinden, sondern neue Perspektiven und Lust auf Politikgestaltung.

ZEIT ONLINE: Wichtige Themen waren für die Wähler in Nordrhein-Westfalen wie in Schleswig-Holstein neben der Schulpolitik Innere Sicherheit und die Zuwanderungs- und Integrationspolitik. Haben die Grünen dafür nicht die richtigen Antworten?