Heinz Keßler ist tot. Der ehemalige Verteidigungsminister der DDR und Ex-Armeegeneral starb im Alter von 97 Jahren, wie der Eulenspiegel-Verlag mitteilte. Zuvor hatte die Bild über seinen Tod berichtet. 

Keßler stand von 1985 bis zu seinem Rücktritt im November 1989 an der Spitze des DDR-Verteidigungsministeriums. Er gehörte auch zum SED-Politbüro, dem höchsten Machtgremium der SED-Staatspartei. Als solches interviewte ihn die ZEIT 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall. Keßler ließ damals Offenheit erkennen für die Abrüstungsbestrebungen, für die Michael Gorbatschow die Staaten des Ostblocks zu gewinnen versuchte. Doch schon damals hatte sich Keßler mitschuldig gemacht am Tod von DDR-Flüchtlingen. Den Bau der Mauer und die scharfe Sicherung der innerdeutschen Grenze verteidigte er – unter Bezug auf Willy Brandt – als friedenssichernd und als Gegenmaßnahme zum Wegzug vieler DDR-Bürger.

Nach dem Mauerfall wurde Keßler wegen seiner Mitverantwortung für die Todesschüsse zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, musste aber wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nur einen Teil absitzen. Die Schuld am Tod von Flüchtenden wies er bis zuletzt von sich. Keßler bestritt vehement, dass die Grenztruppe angewiesen war, diese mit der Waffe am Grenzübertritt zu hindern. "Es hat nie – nie! – einen Schießbefehl gegeben", sagte Keßler in dem ZEIT-Interview. Historisch verbürgt ist jedoch, dass auf der 45. Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR am 3. Mai 1974 angeordnet wurde, bei Grenzdurchbruchsversuchen "rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen".

Geboren wurde Keßler 1920 in Schlesien und wuchs in der Stadt Chemnitz auf, die in der DDR Karl-Marx-Stadt hieß, und lernte Maschinenschlosser. Seine Eltern waren Kommunisten. Unter den Nazis kam sein Vater ins Konzentrationslager, die Mutter ins Gefängnis. Als Soldat einer sächsischen Infanteriedivision nahm er 1941 am Angriff auf die Sowjetunion teil. Drei Wochen nach dem Überfall lief er zur Roten Armee über. Nach der Rückkehr ins von den Alliierten besetzte Berlin im Frühjahr 1945 war er Unterleutnant der Sowjettruppen.

Keßler durchlief die klassische Ausbildung vieler DDR-Regimefunktionäre: Ausbildung an einer Militärakademie in der damaligen Sowjetunion. 1950 wurde er Chefinspektor der Hauptverwaltung der Volkspolizei und erhielt den Auftrag, die Luftstreitkräfte der späteren Nationalen Volksarmee aufzubauen. Vier Jahre später ernannte man ihn zu deren Chef, 1957 wurde er stellvertretender Verteidigungsminister. Nach dem plötzlichen Tod von Ressortchef Heinz Hoffmann 1985 beförderte die Staatsführung Keßler zum Armeegeneral und machte ihn schon einen Tag später zu Hoffmanns Nachfolger. Ein Jahr später rückte er auch ins Politbüro der alleinherrschenden Partei SED auf. Auch persönlich war er der obersten Führung eng verbunden. Er habe mit dem Politbüro-Chef Erich Honecker Skat gespielt, wie er am Rande des ZEIT-Gesprächs erzählte.          

Trotz seiner Uniform und der hohen Dekoration mit militärischen und anderen Auszeichnungen sah sich Keßler als Politiker, wie er in dem Interview sagte. Bis zuletzt war er in Berlin mit früheren Kadern und Funktionären der DDR verbunden, die sich in Vereinen und Publikationen gegenseitig würdigten. Bis zuletzt verteidigte er den Sozialismus.