Kleine Parteien am Rande des politischen Spektrums haben es schwer: Sie müssen laut auftreten, manchmal auch radikal, um im Kampf um Wählerstimmen wahrnehmbar zu bleiben. Andererseits müssen sie im Hinblick auf mögliche Koalitionen anschlussfähig bleiben an eine große Partei, um nicht als träumerischer oder gar radikaler Exot ausgegrenzt zu werden.

Der Linkspartei in Nordrhein-Westfalen ist diese Balance zur Landtagswahl nicht gelungen. Im Laufe des Wahlabends fiel der Ergebniswert von 5,0 auf 4,9 Prozent. Und dabei blieb es, entgegen allen Hoffens der gesamten Parteispitze. Mehr als 400.000 Stimmen erhielt die Linke, am Ende hätten es nur 8.561 mehr sein müssen, um nach dem Ausscheiden aus dem Landtag 2012 wieder über die Fünfprozenthürde zu kommen. Gefehlt habe "das nötige Quäntchen Glück", sagt Bundesvorsitzende Katja Kipping.

Mit erfrischenden Auftritten hatte die 33-jährige Spitzenkandidatin Özlem Demirel im Wahlkampf mit einem Portfolio links-linker Wohltaten geworben: Die Deutschtürkin sprach sich für zwölf Euro Mindestlohn aus, wie ihn auch die Bundespartei vertritt. Sie machte sich gegen Kinderarmut stark, forderte ein Bleiberecht für alle Migranten, die es nach Deutschland geschafft haben. Sie stellte sich gegen Abschiebungen nach Afghanistan und gegen den Türkei-Deal, mit dem sich die EU-Staaten vor Flüchtlingen schützen. Sie steigerte das Ergebnis ihrer Partei damit von 2,5 Prozent (zur Wahl 2012) auf fast das Doppelte, aber eben nur fast.

Wahlkampf in NRW - Der Pott und die FDP Der Ruhrpott gilt als Kernland der SPD, warum kann die FDP ausgerechnet hier punkten? Eine Reportage aus Essen © Foto: Zeit Online

Denn entschieden wurde die Wahl nicht mit Gerechtigkeits- und Sozialthemen, wie der desaströste Einbruch der SPD zeigt. CDU-Herausforderer Armin Laschet errang den Wahlsieg mit Versprechen zur Inneren Sicherheit, sehr zum Ärger auch der AfD, die damit viel stärker punkten wollte. Hinzu kam die Unzufriedenheit der Wähler mit der rot-grünen Schulpolitik. Auf ihre bildungs- und sozialpolitischen Konzepte ist die NRW-Linke durchaus stolz. "Aber wir sind nicht durchgedrungen", sagt Demirel.

An der Fastverdopplung des Ergebnisses haben die jungen Wähler einen großen Anteil, wie die Analysen zeigen. Die Linke ist in den Städten stark. Wie schon bei der Schleswig-Holstein-Wahl vor einer Woche gelang es aber nicht, die Defizite auf dem Land auszugleichen. Gravierend ist, dass die selbsternannte Kümmerer-Partei selbst in sozialen Brennpunkten nicht als Interessenvertreter gesehen und gewählt wird. Die Strategiediskussionen dürften spätestens jetzt beginnen. Bis zur Bundestagswahl im Herbst kommt es darauf an, die Wählerverluste bei den Erwerbslosen auszugleichen.

Die Mängel werden insbesondere in der Wählerwanderung deutlich: Die Grünen etwa verloren – als Teil des linken Parteienlagers – 110.000 Wähler quasi ins Nichts: Statt ihr Kreuz diesmal bei einer dezidiert linken Partei zu machen, gingen diese Menschen gar nicht ins Wahllokal. Zwar sog die Linkspartei einen Teil ihres Stimmenzuwachses von den Grünen. Deutlich mehr Grünen-Wähler wechselten jedoch zu SPD und CDU.

Ein weiterer hausgemachter Grund könnte Sahra Wagenknecht sein. Die Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl war im NRW-Wahlkampf omnipräsent. In der Flüchtlingskrise hatte sie versucht, sich mit umstrittenen Äußerungen über die Kriminalität von Migranten gegen die AfD zu profilieren. Öffentlich will das in der Partei derzeit keiner sagen, aber Wagenknechts Position steht im Widerspruch zu Demirels Haltung zum Bleiberecht. An Wagenknecht klebt auch der Makel, dass die Linke zur Wahl im Saarland, dem Stammland von Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine, drei Prozentpunkte Verlust eingefahren hatte.

Einen Großteil der Schuld an ihrem Scheitern an der Fünfprozenthürde schreiben die Linken aber auch der SPD zu: Einerseits der scheidenden Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die ein Regierungsbündnis mit den Linken kurz vor der Wahl radikal ausgeschlossen hatte. Da die SPD die einzige Chance der Linken auf eine Regierungsbeteiligung ist, erklärte Kraft die Partei damit quasi für unwählbar. Weiterhin machen sie Martin Schulz verantwortlich, den SPD-Chef und Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Der habe sich mit seinen Andeutungen über ein mögliches sozialliberales Bündnis mit der FDP selbst demontiert. "Wer mit der FDP liebäugelt und zugleich soziale Politik machen will, der kommt in eine Glaubwürdigkeitslücke", sagte Linken-Bundeschef Bernd Riexinger. 

Die Führung ist entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen und der SPD weiterhin Angebote einer Zusammenarbeit zu machen – sofern Schulz die richtigen Signale sendet. Die Linken hoffen, dass er seinen Wahlkampf stark auf den Gerechtigkeitsgedanken fokussiert, mit dem er bekannt wurde, und auf die Kritik an den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010. Und dass Schulz die SPD weniger wirtschaftsliberal ausrichtet, als er es jüngst in Berlin in einer Rede vor der IHK anklingen ließ.