Das Hauptgesprächsthema in der Tanzschule Allround in Berlin-Spandau sind am Wahlabend nicht die reichlichen sieben Prozent für die AfD. Auf der Wahlparty am Berliner Stadtrand wird das Ergebnis der NRW-Wahl brav beklatscht und als "Signal für die Bundestagswahl" gelobt. Doch die sieben Prozent entsprechen den Umfragen und waren auf dem Eichenparkett des Übungssaals schnell abgehakt. Spott dagegen trifft den Wahlverlierer SPD und ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz, als der auf dem Fernsehschirm in der Ecke die 30-Prozent-Wahlniederlage seiner Partei zu erklären versucht. "Martin, Martin, Martin", skandieren einige aufgekratzte Besucher, der Spott schlägt in Häme um. "Die Sozen fallen noch unter 30 Prozent", hofft einer. Der ehemalige EU-Parlamentspräsident Schulz gilt in der AfD als Relikt der Brüsseler EU-Bürokratie, die AfD-Spitze warf ihm im Wahlkampf vor, sich im Straßburger Parlament persönlich bereichert zu haben.

Dabei hat auch die AfD schon bessere Zeiten erlebt. 2014 war sie zweistellig – zwischen zehn und zwölf Prozent – in die Landtage in Thüringen, Sachsen und Brandenburg eingezogen. Das Wort Krise war damals für Griechenland reserviert, die AfD arbeitete sich unter Parteigründer Bernd Lucke an der Rettungspolitik der Euro-Staaten ab. Dann kamen die Flüchtlinge. Beides ließ die AfD bis 2016 auf 24 Prozent (Sachsen-Anhalt) schnellen. Die ersten westdeutschen Flächenländer folgten: 13 Prozent in Rheinland-Pfalz und 15 Prozent in Baden-Württemberg. Wenig später Jubel in Schwerin: Die AfD verdrängte aus dem Stand im Landtag die CDU von Platz zwei, die 14 Prozent bei der Berlin-Wahl fielen in diesem Rausch kaum noch auf. Außer in Hessen 2013 schaffte es die AfD bei jeder Landtagswahl ins Parlament.

Die Saarland-Wahl leitete 2017 den Niedergang ein: Sechs Prozent – ein noch erstaunliches Ergebnis angesichts des Umstands, dass die Bundesführung den Landesverband wegen Kontakten zu Rechtsextremisten eigentlich auflösen wollte. In den Bundestagswahl-Umfragen geht es seit einem Jahr steil bergab – von 14 Prozent blieben in der vergangenen Woche noch sieben. Ähnlich fielen die Werte in NRW.

Damit schwimmt die AfD mit ihrem NRW-Ergebnis im Bundestrend mit, der zwischen sieben und zehn Prozent liegt. Der Höhenflug ist vorbei. Die Wahlerfolge im Osten werden sich auf absehbare Zeit nicht wiederholen lassen. Denn im vierten Jahr ihrer Existenz sind der AfD die beim Wähler zündenden Ziele abhanden gekommen:

  • Die Turnhallen und Notunterkünfte sind fast vollständig geräumt, seit kaum noch neue Flüchtlinge ins Land kommen. Das Thema "illegale Migration" und der Ruf nach Schließung der Grenzen ziehen kaum noch. Daran änderte auch die Verknüpfung des Themas mit der Inneren Sicherheit nichts.

  • Stimmen­verteilung
  • Gewinne & Verluste
  • Koalitions­rechner
  • Auch die Euro-Kritik ist nur noch ein Thema unter vielen. Und wie die Migration ist der Euro eine bundes- oder europapolitische Angelegenheit, die Landesebene hat hier kaum Einfluss.
  • Gemäßigte "Merkel muss weg"-Rufer müssen nicht mehr aus Protest bei der AfD ankreuzen: Denn die Wahl von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten eröffnete – das gilt auch nach der NRW-Niederlage der Sozialdemokraten – die Option, die regierende CDU auf Bundesebene abzuwählen.