Ein Kieler Villenvorort an einem kühlen Morgen. Die Partei-App hat das Viertel als CDU-affin ausgemacht. Der Kandidat macht sich auf zum Stimmenfang. "Ich bin Daniel Günther", stellt sich der 43-Jährige mit schüchternem Lächeln im jugendlichen Gesicht höflich an den Haustüren vor: "Ich möchte Ministerpräsident in Schleswig-Holstein werden. Ich kandidiere für die CDU." Dann überreicht er noch einen Wahlflyer und eine Tüte mit Sonnenblumensamen.

Das Interesse ist durchwachsen. "Schau'n wir mal", brummt ein älterer Mann, der vor seinem Haus Holz hackt, norddeutsch karg. "Immerhin wusste er, wer ich bin", freut sich Günther, als er wieder auf der Straße steht.

Es ist das größte Problem des Herausforderers, und es ist nicht das einzige: Anders als SPD-Ministerpräsident Torsten Albig, der seit 2012 in Kiel mit den Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband regiert, und anders auch als FDP-Spitzenmann Wolfgang Kubicki und Grünen-Umweltminister Robert Habeck ist Günther im Land nicht sonderlich bekannt. Erst seit November ist er Spitzenkandidat und Landesvorsitzender der CDU, der vierte seit der Wahlniederlage seiner Partei 2012 – ein Negativrekord. Wenig Zeit, sich einen Namen zu machen.

Sein Vorgänger hatte aufgegeben, weil er keine Chance sah, die Wahl zu gewinnen. Günther will es nun besser machen, aber er steht auch stark unter Druck: Nach dem Wahlsieg von CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer im Saarland im März und eine Woche vor der wichtigen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen erwartet die Bundespartei von ihm, dass er das nördliche Bundesland für die CDU zurückerobert. Es wäre das erste Mal, dass der CDU so etwas in der Regierungszeit von Angela Merkel aus der Opposition heraus gelänge  – ein wichtiger Schritt zu einem Erfolg in NRW und bei der Bundestagswahl.

Die CDU hat in dem zwischen den beiden großen Parteien traditionell hart umkämpften Agrarland jedoch ein Strukturproblem: Sie ist zwar stark auf dem Land, wo sie üblicherweise alle Wahlkreise gewinnt, aber schwach in den Ballungsgebieten und bei Frauen. Um auf sich aufmerksam zu machen, hat Günther seiner Partei als Erstes eine Kehrtwende in der Schulpolitik verordnet: Er verspricht die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, obwohl es die CDU war, die einst das jetzt von ihm verfemte "Turbo-Abitur" durchgesetzt hatte. Der Einsatz für G9 sorgt für Zustimmung bei konservativen Eltern, aber auch für anhaltendes Grummeln in der eigenen Partei.

Schweinefleisch in Schulkantinen

Um sich neue Wähler in den städtischen Gebieten zu erschließen, setzt der CDU-Kandidat gleichzeitig auf eine gesellschaftspolitische Modernisierung. So tritt er als gläubiger Katholik für die Homo-Ehe und das Adoptionsrecht von Schwulen und Lesben ein, zum Ärger von Angela Merkel, und er fordert eine Ökologisierung der Landwirtschaft. Beides in unter den konservativen CDU-Anhängern heikle Unterfangen.

Früher war Günther gegen die Homo-Ehe. Mit der inhaltlichen Öffnung möchte er sich auch neue Koalitionsmöglichkeiten mit den Grünen erschließen. "Die konservativen Milieus gibt es so nicht mehr. Die Zeit der Hardliner ist auch in der Agrarpolitik vorbei", gibt sich Günther zuversichtlich, dass ihm der Spagat zwischen CDU-Traditionswählern auf dem Land und liberalen Schichten in den Städten gelingt.

Der Politikwissenschaftler sendet jedoch widersprüchliche Signale. So vertritt er eine harte Linie bei der Inneren Sicherheit. Er will den Ausbau der Windenergie bremsen. Und er hat als Oppositionsführer im Landtag einen Antrag eingebracht, Schweinefleisch in den Schulkantinen vorzuschreiben. Alles keine Positionen, mit denen er bei den Grünen punkten kann.