Deutschland streitet wieder einmal um die Leitkultur. Da muss ich ein Geständnis ablegen: Ich war es, der den Begriff im Jahre 1998, als zum ersten Mal darüber gestritten wurde, in den öffentlichen Diskurs eingeführt hat. "Integration", schrieb ich damals, "bedeutet zwangsläufig ein gutes Stück Assimilation an die deutsche Leitkultur."

Den Begriff hatte ich wohl von Bassam Tibi, mit dem ich damals gelegentlich bei öffentlichen Diskussionen auf einem Podium saß und der ihn in seinem Buch Europa ohne Identität geprägt hatte. Friedrich Merz, seinerzeit Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, bezog sich dann in einer Parlamentsdebatte auf mich. Dabei interpretierte er meine Thesen recht eigenwillig, was mich zu einem zweiten Leitartikel veranlasste. Worum ging es mir? Ein paar Zitate mögen es verdeutlichen:

  • "Meine Überzeugung zur Einwanderungs- und Integrationsfrage war in langen Jahren allmählich gewachsen. Sie bildete sich zumal in der Reaktion auf zwei Erscheinungen. Auf der einen Seite war dies die Deichgrafen-Metaphorik jener Konservativen, die um 'den deutschen Charakter Deutschlands' (FAZ) bangten: Flüchtlings-Springflut, Asylanten-Schwemme, Ausländer-Strom, Einwanderer-Welle; die Vokabeln 'Durchrassung' und 'Umvolkung' brachten mich in Rage. Auf der anderen Seite aber hatte ich nicht das Geringste übrig für die unbedarfte Forderung der Grünen nach 'offenen Grenzen' und ihre welt- und wirklichkeitsfremden Multikulti-Illusionen."
  • "Gegenüber dem Begriff multikulturell habe ich immer starke Vorbehalte gehabt. Es haftet ihm zu viel Fragwürdiges an. 'Sollen die einen ruhig Schuhplattler tanzen, die anderen Sirtaki (…). Aber ein Deutschland, das aus lauter Ghettos besteht, ein paar für Türken, ein paar für Griechen, ein Dutzend für die Deutschen – das kann nicht das Ziel sein.' Deswegen redete ich lieber von 'multiethnisch'. Gewöhnen wir uns an Bindestrich-Deutsche: an Turko-Deutsche und Graeco-Deutsche und Italo-Deutsche. Im Übrigen bleibe ich dabei: Integration bedeutet zwangsläufig ein gutes Stück Assimilierung. (…) [Doch] auch Assimilierte haben ein Recht auf unterschiedliche Wesensgrundierungen, Essensvorlieben, religiöse Präferenzen."
  • "Die Diskussion über die Absorptionskraft unserer Gesellschaft ist keinesfalls eine spezifisch deutsche Erscheinung. Sie wird überall geführt: in Frankreich, in Großbritannien und der Schweiz, in Italien und Spanien, sogar in den klassischen Einwanderungsländern. Allenthalben bildet Zuzugsbegrenzung ein Leitmotiv. Ihr dienen Abschiebung (beileibe nicht nur in der Bundesrepublik, sondern – weit rüder noch – auch in Frankreich), Stahlzäune und Mauern (USA, Spanien), die Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen per Lotterie (USA) oder die selektive Steuerung des Zuwandererstroms per Einwanderungsgesetz (USA, Kanada, Australien, Neuseeland)."
  • "Die Diskussion der vergangenen Wochen lehrt, dass der Ausdruck Leitkultur zu Missverständnissen Anlass gibt. Leitkultur? Ähnliche Begriffe gibt es überall: culture dominante, defining culture, cultura dominante, culture de référence, American way of life. Kaum einer nimmt anderswo Anstoß daran. Bei uns ist der Begriff mittlerweile zur großkalibrigen Waffe im parteipolitischen Kampf geworden. Warum also nicht 'Mehrheitskultur'? Oder 'Rahmenkultur'?"
  • "Ein Blick nach Amerika mag uns helfen, Maßstäbe und Kriterien für die eigene Debatte zu gewinnen. Dort wird seit Jahren erbittert darüber gestritten, ob der Schmelztiegel der Völker noch funktionieren kann – oder noch funktionieren darf. Auf der Linken war das Schmelztiegel-Konzept in Mißkredit geraten. Statt dessen wurde nun die 'Salatschüssel' angepriesen, in der die Bestandteile des Salats gemeinsam im American dressing schwimmen, sich aber nicht auflösen. Diversity lautete die neue Losung: Gepriesen sei die Vielfalt. Das Staatsmotto E pluribus unum schien sich zu verkehren in E pluribus plures. Über der zum Dogma erhobenen Vielfalt, so befürchtete nicht allein der Historiker Arthur Schlesinger, drohe die Einheit Amerikas in die Brüche zu gehen. Mittlerweile schwingt in den Vereinigten Staaten das Pendel wieder zurück. Aufs neue wird die verlorengegangene Idee der 'Amerikanisierung' beschworen."
  • "Ein Mann wie der Kommunitarist Amitai Etzioni setzt gegen den 'Schmelztiegel' das Idealbild vom 'Mosaik': eine Komposition aus Steinchen verschiedener Farbe und Form, zusammengehalten durch einen Zement-Untergrund und einen Rahmen. Den Zement müssen Grundwerte bilden, die für alle verbindlich sind: das Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung und zum Verfassungsstaat; praktizierte Toleranz; eine gemeinsame Sprache, die das Funktionieren und die Kohäsion der Gesellschaft fördert. Jeder kann seiner eigenen Religion anhängen; alle können die eigenen Tänze tanzen und die eigene Cuisine kochen; jegliche Gemeinde darf das kulturelle Erbe, die Folklore der alten Heimat pflegen. Die überwölbende Gemeinschaft erträgt durchaus lebendige Untergemeinschaften – aber die Vielfalt hat sich in der Einheit zu bewähren. Das Rezept könnte auch in Deutschland taugen."
  • "Sosehr jede staatliche Gemeinschaft in Europa auf einen Grundkanon der Zugehörigkeit angewiesen ist und jedes Volk 'einen gewissen Begriff von sich selbst' (Ralf Dahrendorf) braucht, ein Bewusstsein von Identität, so richtig ist es andererseits, dass in unserem Teil der Welt das nationale Erbe der Völker aus einem gemeinsamen Fundus stammt. Dies hat schon Ortega y Gasset erkannt: 'Vier Fünftel unserer inneren Habe sind europäisches Gemeingut.' Wenn schon Leitkultur, dann muss sie europäisch verstanden werden."
  • "Viele Muslime wollen Deutsche muslimischen Glaubens werden. Müssen wir ihnen von vornherein islamischen Fundamentalismus unterstellen? Warum sie nicht in ihrem Glauben leben lassen? Warum nicht die städtischen Friedhofsordnungen so ändern, dass sie nach ihrem Ritus bei uns begraben werden können? Warum nicht an unseren Universitäten Islam-Fakultäten gründen, damit muslimische Lehrer mit deutschem Staatsexamen türkische Schüler im Koran unterrichten können? Integration ist keine Einbahnstraße. Wir Deutschen haben eine Holschuld, die Zuwanderer haben eine Bringschuld. Sie müssen sich auf die offene Gesellschaft verpflichten, müssen sich integrieren wollen. Wir aber müssen ihnen Angebote machen, müssen uns diese Angebote etwas kosten lassen."

In den fast 20 Jahren, die seit der damaligen Diskussion vergangen sind, hat sich die Welt, haben sich die Umstände verändert. Die Herausforderungen sind größer geworden, unsere Aufnahmemöglichkeiten für Fremde geringer. Ich denke aber, dass ich an den Prinzipien, die ich damals formuliert habe, keine Abstriche zu machen brauche. Im Übrigen decken sie sich weithin mit dem Wertekatalog des Bundesinnenministers Thomas de Maizière, der die Leitkulturdebatte jetzt neu angestoßen hat. Kleinkarierte Kritik hat er nicht verdient.