Die Vorstellung einer angeblichen deutschen Leitkultur als Gegenbild zum Multikulturalismus haben Konservative immer wieder als Reizbegriff genutzt, seit ihn der CDU-Politiker Friedrich Merz vor bald 20 Jahren in die Debatte eingebracht hat. Innenminister Thomas de Maizière hat ihn jetzt aus sehr durchsichtigen Gründen wieder aufgegriffen: Die CDU möchte der AfD bei den anstehenden Wahlen Wähler abgreifen, die durch die Massenzuwanderung der vergangenen Jahre auf den Zinnen sind. Und er möchte seinen Posten nach der Bundestagswahl verteidigen. Also präsentiert er sich als Wahrer unverbrüchlicher nationaler Werte.

"Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?" Vieles, was de Maizière in seinen zehn Thesen dazu in einem Zeitungsbeitrag aufgeschrieben hat oder hat aufschreiben lassen, sind Plattitüden. Manches ist schräg, manches fragwürdig. Einiges einfach Blödsinn. Dass bei einem Festakt oder  Schuljubiläum Musik gespielt wird, zeigt, dass wir eine "Kulturnation" sind? Man kann auch anders feiern. Fähnchenschwenken als Ausdruck eines "aufgeklärten Patriotismus"? "Leistungsgedanke" – nur bei uns? "Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns die Hand zur Begrüßung." Das klingt nach Kindergarten.

Man kann das alles deshalb, wie mein Kollege Kai Biermann, mit einigem Grund als Wahlkampfgetöse abtun. Und natürlich hat die Leitkultur-Debatte schon in der Vergangenheit nie dazu gedient, die Integration zu fördern, sondern vor allem auszugrenzen. "Wer sind wir?" heißt dann vor allem: Wer gehört nicht dazu?

Aber es lohnt sich trotzdem, dahinter zu schauen. Unbestreitbar hat die starke Zuwanderung seit Beginn der Flüchtlingskrise zu einer erheblichen Verunsicherung in Deutschland geführt, selbst in sehr aufgeschlossenen Kreisen. Was gilt bei uns noch? Was darf man denken und noch laut sagen?, fragen sich viele.

Vor allem die Kölner Silvesternacht wirkte nach der Anfangseuphorie der Willkommenskultur im Herbst 2015 bis heute wie ein Schock. Schlagartig wurde klar, dass unter den Vielen, die vor Krieg, Gewalt oder Not aus einer anderen Kultur zu uns geflüchtet oder aus ganz anderen Gründen gekommen sind, auch solche sind, die mit den sozialen Normen und Werten, die wir zum Glück ganz überwiegend teilen, nichts oder wenig am Hut haben. Zum Beispiel mit der Würde und Gleichwertigkeit der Frau.

Wer sich nicht nur in intellektuellen Kreisen bewegt, weiß zum Beispiel, dass das mit dem von de Maizière genannten Händeschütteln durchaus seine Bewandtnis hat. Sicherlich, auch deutsche Jugendliche geben sich heute nicht mehr unbedingt die Hand. Aber wenn ein arabischer oder türkischer Vater der Lehrerin seines Sohnes den Handschlag verweigert, dann hat das nichts mit fremden Sitten oder Hygiene zu tun, sondern zeigt die Missachtung einer Frau, die nach Ansicht eines traditionellen muslimischen Mannes seinem Kind nichts zu sagen hat.

Und wenn junge männliche Migranten im öffentlichen Raum betont aggressiv auftreten, dann ist das nicht (nur) krasses adoleszentes Verhalten, sondern oft auch Ausdruck eines aus der Heimat ihrer Eltern tradierten Machogehabes, das bei uns keinen Raum mehr haben sollte. Gewalt muss man solchen Jugendlichen nicht mehr beibringen, sie bringen die Gewaltkultur mit.