An einem Donnerstag in Hamm-Heessen steht die Genossin Henriette Wilhelm auf einem Spielplatz zwischen ordentlichen Reihenhaus-Vorgärten und lässt Gas aus einer Druckflasche in einen Luftballon pfeifen. Der saugt sich voll, bis sich der Schriftzug "SPD" gut lesbar über den Gummi wölbt. Wilhelm knotet den Ballon mit einer Schnur an den Gitterzaun hinter sich und lächelt. Letzte Handgriffe für den großen Gast im Landtagswahlkampf in der nordrhein-westfälischen Provinz. Wirklich nichts deutet darauf hin, dass hier zwischen Gartenzwergen, Buchsbäumen und Klettergerüst gleich ein Kanzlerkandidat auftreten wird.

Während der Ballon hinter Wilhelm im Wind tanzt, muss die Dame mit dem grauen Kurzhaarschnitt nicht lange überlegen, was sie vom neuen SPD-Chef hält: "An Martin Schulz gefällt mir, dass er auf die Menschen zugeht und mit ihnen spricht statt über sie." Und darauf warten die rund 150 Anwohner auf dem Spielplatz am Rand des Ruhrgebiets.

Der Schulz-Hype nimmt ab

Tatsächlich wirkt der SPD-Chef und Kanzlerkandidat in den vergangenen Wochen wie abgetaucht. Nachdem er über Wochen von den Titelseiten der Zeitungen zum Wahlvolk sprach, ist es ruhig geworden um den Hoffnungsträger. Der Schulz-Hype ist nach den Niederlagen im Saarland und in Schleswig-Holstein abgeflaut, und auch in Umfragen im Bund hat sich die SPD wieder deutlich hinter der Union eingependelt.

Und was macht Schulz? Er versucht anscheinend gar nicht erst, zurückzukommen in die Tagesschau oder auf den Spiegel-Titel. Eine Hand lässig in der Hosentasche, das Jackett aufgeknöpft, die Krawatte gelockert, schlendert er zwischen den Vorgärten hervor auf den Spielplatz in Hamm und steuert gut gelaunt auf das Klettergerüst und die SPD-Luftballone zu. Gemeinsam mit dem lokalen SPD-Kandidaten für die Landtagswahl am Sonntag hat Schulz gerade etwa eine Stunde darauf verwendet, an Haustüren zu klingeln und Anwohner im direkten Gespräch zu überzeugen.

Wahlkampf zwischen Gartenzwergen

Schlagzeilen schaffen Wahlkämpfer damit nicht – vor allem wenn man so wie Schulz keine Presse mit auf die Wohnzimmer-Tour nimmt. Viele potenzielle Wähler erreicht man auch nicht – Schulz könnte einfach ein paar Tausend Anhänger in eine Halle einladen und eine große Rede halten. Damit würde er auf einen Schlag doppelt so viele Menschen erreichen wie in den Vorgärten von Hamm. Auch deshalb ist vielen Spitzenpolitikern ihre knappe Zeit oft zu schade für den Haustürwahlkampf. Aber die SPD hofft, dass das Gefühl ansteckt, das Schulz hier verbreiten will: Da ist einer, der hört uns zu, der nimmt sich Zeit und kommt vorbei, wir werden gehört und verstanden. Deshalb hat die Parteispitze nach dem ersten Hype gezielt die Strategie ausgegeben, nicht zu überdrehen und sich stattdessen rar zu machen. Nach der Wahlniederlage in Schleswig-Holstein werden allerdings in der Parteizentrale Zweifel laut, ob das die richtige Entscheidung war. Vielleicht hätte man doch von Berlin aus ein paar mehr thematische Ausrufezeichen setzen sollen.

In Hamm scheint Schulz den kleinteiligen Wahlkampf jedenfalls zu genießen. Er greift sich ein Funkmikrofon, das ihm ein Genosse reicht, es fiept in zwei kleinen Boxen. Nach einer fünfminütigen Ansprache sind die Anwohner dran. Sie drängen sich um den SPD-Kandidaten, aus allen Richtungen prasseln Fragen auf ihn ein.

Wie er es mit Erdoğan-Fans in Deutschland halte? Ob er gedenke, weiter Flüchtlinge nach Afghanistan abzuschieben? Schulz wendet sich den Fragestellern direkt zu, blickt ihnen in die Augen, hört sich die Fragen geduldig an und nickt nachdenklich. Er antwortet dann routiniert, souverän und hat schnell die Lacher auf seiner Seite. Schließlich posiert er für ein paar Fotos, unterschreibt schnell den Mitgliedsantrag eines jungen rothaarigen Schlacks', klettert in den Fond seiner schwarzen Limousine und winkt noch einmal zum Abschied aus dem Fenster.

NRW ist ein Vorentscheid für Schulz

"Dem glaubt man, was er sagt", findet Damian Chatha, ein Genosse Mitte 20. Er hat den Schulz-Auftritt mitorganisiert und ist zufrieden mit seinem Kanzlerkandidaten: "Ein lockerer Typ mit einer klaren Sprache. Er kennt die Probleme der kleinen Leute nach elf Jahren als Bürgermeister einer Kleinstadt in NRW."

Liegt es an den Mühen der Ebene, dass Schulz zwar gut ankommt, wo er auftaucht, aber nicht mehr das Land elektrisiert? Hat er es versäumt, die Euphorie des Anfangs zu konservieren? Das mag Teil der Erklärung sein. Doch eigentlich macht Schulz genau das, was er angekündigt hat. Denn seit seiner Wahl zum Parteichef hat er der SPD keine Programmrevolution verschrieben. Sondern vor allem der Sozialdemokratie eine neue Verpackung gegeben – und das ist keine Kleinigkeit. Die Frage, wie Politik die Menschen anspricht, ist selbst politisch.

Ausbildung und zweite Chancen

Wenn Schulz also von "Würde" und "Respekt" vor der Lebensleistung der "hart arbeitenden Menschen" spricht, belebt er damit die alte Kümmerer-Partei wieder. Und kümmern heißt für Schulz, dass der Termin am Klettergerüst nur eine Zwischenstation von vieren an diesem Tag ist – und keine davon wird die lokalpolitische Wahrnehmungsschwelle überschreiten. So viel ist schon am Morgen klar, wenige Stunden vor seinem Besuch in Hamm, als Schulz an einer Werkbank im Norden von Oberhausen steht und eine Flamme aus einem Lötgerät züngeln lässt.

Die Werkbank gehört zum Ausbildungs- und Qualifizierungszentrum. Hier lernen Jugendliche, wie man Kupferrohre aneinanderklebt. Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge werden fit gemacht für den Beruf und können eine Ausbildung nachholen. Geduldig lässt sich Schulz, der mit den Versprechen von kostenloser Bildung sowie zweiten und dritten Chancen durch die Republik tourt, von einem Azubi im Blaumann erklären, worauf es beim Weichlöten zweier Kupferrohre ankommt.