Am Rande des Mönchengladbacher Ortsteils Rheydt-Mülfort, dort, wo hinter den heruntergekommenen Hochhäusern die Felder beginnen, liegt das Zauberland. Ein flacher Klinkerbau, der gleichzeitig Kindergarten, Familien- und Bürgerzentrum ist. Im kleinen Eingangsbereich stellt früh an einem Dienstagmorgen Angelika Heims Tassen und Kaffeekannen, Milch und Zucker auf die niedrigen Tische. Gleich, wenn die Eltern mit ihren Kindern kommen, werden die Kleinen abbiegen in ihre Gruppen. Von den Großen werden viele hier Platz nehmen an den Kaffeetischen und darauf warten, dass Frau Heims Zeit hat. Zeit für sie und ihre Probleme.

Angelika Heims ist Sozialarbeiterin. Und eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen der Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Wenn alles gut läuft für Hannelore Kraft, wenn sie die Wahl am Sonntag gewinnt, dann wird das auch an Menschen wie Frau Heims liegen.

Heims soll umsetzen, was die Ministerpräsidentin versprochen hat: "Kein Kind zurücklassen!" Kurz: "Kekiz". Nicht ist Kraft wichtiger als dieser Slogan. Sie wirbt im Landtagswahlkampf in Anzeigen damit, baut ihn in fast jede Rede ein. Kekiz soll das Bild der fürsorglichen, der mitfühlenden obersten Sozialdemokratin im Land bestärken, das Bild von Kraft, der Kümmererin: Kekiz ist die Politik zum Image.

Kraft schwärmt vom Paradigmenwechsel

Kraft spricht so gern über Kein-Kind-Zurücklassen, dass man während der Recherche plötzlich zum Interview im Büro der Ministerpräsidentin landet, obwohl man gar nicht darum gebeten hatte. Hinter Kekiz, sagt sie dann, stehe ein "Paradigmenwechsel", eine revolutionäre völlige Umkehr der Sozialpolitik – ach was, der gesamten Politik!

Die Idee ist einfach: Wenn sich der Staat heute besser um die Kinder kümmert, werden die morgen vielleicht nicht arbeitslos. Oder krank oder kriminell. Prävention ist besser als später "reparieren" zu müssen, wie Kraft das nennt. Das "wirkt und lohnt sich", wie die Regierung im Sommer 2016 bilanzierte.

Aber stimmt das? Wer herausfinden will, was aus Krafts großem Versprechen geworden ist, erlebt Merkwürdiges. Die vermeintliche politische Revolution schrumpft, wenn man sich ihr nähert, auf ein Bündel kleiner, ehrenwerter Projekte, zusammengehalten von großen Worten. Ob das wirklich "wirkt" und sich "lohnt", ist viel unklarer, als die Ministerpräsidentin behauptet.

Viel Hilfe, ein bisschen Pädagogik

Im Familienzentrum Zauberland in Mönchengladbach tritt jetzt eine Frau mit schwarzen Haaren und schwarzen Leggings in den Besprechungsraum von Angelika Heims. Maria Gavridis (Name geändert) zieht einen Brief aus ihrer Handtasche und faltet ihn auf dem Tisch auseinander. Der Kitabetreiber hat ihr eine Mahnung geschickt, weil das Mittagessen nicht komplett bezahlt wurde. Angelika Heims überfliegt den Brief, fragt: "Haben Sie denn einen Antrag auf Mittagsverpflegung beim Jobcenter gestellt?", und als Frau Gavridis leise den Kopf schüttelt, füllen die beiden zusammen das Formular aus, Feld für Feld. Als sie fertig sind, sagt Heims mit strengem Blick: "Und ganz wichtig in Deutschland: ohne Unterschrift kein Antrag."

So geht das jeden Dienstagmorgen, seit sieben Jahren. Viel Hilfe, ein bisschen Pädagogik. Heims kümmert sich um alles: Jobcenter, Vermieter, Konten, Ärzte. Sie sucht Sportvereine und Sprachtherapeuten für die Kleinen, sie hängt sich für die Eltern in Telefonwarteschleifen, füllt Formulare aus und organisiert Kuren. "Die Eltern brauchen jemanden, der ihnen den Weg weist", sagt Heims.

Wahlkampf in NRW - Der Pott und die FDP Der Ruhrpott gilt als Kernland der SPD, warum kann die FDP ausgerechnet hier punkten? Eine Reportage aus Essen © Foto: Zeit Online