Die Ergebnisse dieser Landtagswahl sind so eindeutig, dass sie kaum missverstanden werden können. Die beiden Regierungsparteien SPD und Grüne sind eingebrochen, alle anderen Parteien (bis auf die aussterbende Piratenpartei) haben deutlich hinzugewonnen. Nordrhein-Westfalen hat seine Regierung rausgeschmissen. Aus dem "NRWir", mit dem die Sozialdemokraten geworben haben, machten die Wähler ein "NRWeg".

Wie konnte das trotz der hohen Beliebtheit von Ministerpräsidentin und SPD-Landeschefin Hannelore Kraft passieren? Die Kampagne der SPD setzte auf die Identifikation mit Kraft und auf die Identifikation mit Nordrhein-Westfalen. Die SPD hat offenbar unterschätzt, wie groß die Unzufriedenheit der Wähler mit dem Zustand des Landes ist. Ein Zustand, für den sie die Regierung verantwortlich machen.

Sieben Jahre lang war Kraft die Kümmerin, ihr großes Thema war die soziale Gerechtigkeit. Wenn ihre Partei nun um acht Prozentpunkte auf das schwächste Ergebnis ihrer Geschichte eingebrochen ist, dann heißt das: Die Wähler glauben nicht, dass sie ihre Versprechen eingelöst hat. Sie hörten seit Jahren Krafts Slogan, sie wolle "Kein Kind zurücklassen", und sahen die steigende Kinderarmut. Das passte nicht zusammen. 

Dabei ist unwichtig, dass Kraft natürlich nicht an allem schuld ist, was in Nordrhein-Westfalen tatsächlich oder nur gefühlt schlecht ist. Die Möglichkeiten einer Landesregierung sind in vielen Bereichen beschränkt. Die wichtigsten Entscheidungen werden auf den Ebenen darunter und darüber getroffen, in den Kommunen und im Bund. Aber mit solcher Bescheidenheit kann man keinen Wahlkampf machen, auch nicht auf Landesebene.

Laschet will NRW jetzt zur "Nummer eins" machen

Womit wir bei den Wahlsiegern wären, bei der FDP und vor allem der CDU. Die hat viel Mühe darauf verwendet, möglichst viele Statistiken als Beleg dafür zurechtzudeuten, Nordrhein-Westfalen sei Schlusslicht in so ziemlich allem. In seinen schlimmsten Phasen kippte der Wahlkampf in eine Schwarzmalerei und einen pauschalen Protest gegen den Zustand des Landes, der eigentlich zu Spitzenkandidat Armin Laschet gar nicht passte. Die CDU hat die Wahl auch deshalb gewonnen, weil sie sich getraut hat, die Unzufriedenheit der Wähler nicht nur aufzunehmen, sondern zu verstärken.

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Aber mit dieser Unzufriedenheit über die Gegenwart wächst auch die Erwartung an die Zukunft. Laschet hat versprochen, das Land jetzt zur "Nummer eins" zu machen. Von ganz unten nach ganz oben also. "Schneller, schlauer, sicherer." Wenn die Wähler Armin Laschet beim Wort nehmen – und die Wahlniederlage von Kraft zeigt, dass sie das tun – muss der eigentlich in den nächsten fünf Jahren Milliarden in Schulen stecken, die Staus auflösen, die Wirtschaft boomen lassen und all die Einbrecher fassen.

Das ist die große Gefahr: Dass Laschet mittelfristig ebenso an seinen Slogans scheitert wie zuvor Kraft. Das wäre nicht nur für ihn persönlich ein Problem, sondern auch für die Politik insgesamt. Denn jedes Mal, wenn Politiker behaupten, alles ändern zu können, und es dann nicht schaffen, wächst dadurch der Frust der Wähler über die Politik insgesamt.