ZEIT ONLINE: Herr von Beust, nach Ihren drei Niederlagen bei den Landtagswahlen setzt die SPD nun auf die Programmarbeit. Kann SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz so zurück ins Spiel kommen?

Ole von Beust: Programme sind für den Wahlkampf nicht entscheidend. Es werden Regierungen gewählt oder abgewählt aber nicht wegen der Programme der Opposition. Die Wähler legen ja nicht alle Programme nebeneinander und entscheiden sich dann für die Partei, bei denen sie die meisten Haken setzen können. Programme sind was für Feinschmecker, Journalisten und Hochinteressierte. Wahlkampf ist Marketing und Werbung. Ein Beispiel: 2001 habe ich in Hamburg 26,2 Prozent der Stimmen bekommen, bei den Neuwahlen drei Jahre später 47,2 Prozent. Mit nahezu identischem Programm und Personal.

ZEIT ONLINE: Sind Wahlprogramme also überflüssig?

von Beust: Sie sind wichtig, wenn man regiert. Um sich selbst Ziele zu setzen. Aber es ist ein Irrtum zu denken, dass das die Wähler im Wahlkampf interessiert. Die Leute glauben ja nicht einmal, was da drin steht. Das Vertrauen darein, dass Politiker in Programmen die Wahrheit sagen, ist fast Null. Man sollte zwar sagen was man will, braucht sich aber nicht zu viele Gedanken über etwas zu machen, was einem die Wähler sowieso nicht glauben.

ZEIT ONLINE: Worauf dann achten?

von Beust: Auf die Personalie. Und die Haltung. Für die Union ist das im Bundestagswahlkampf die Kanzlerin. Sie ist in einer unsicheren Welt der Fels in der Brandung. Diese Sicherheit wollen die Leute.

ZEIT ONLINE: Klingt nach einem Wahlkampf wie vor fünf Jahren: "Sie kennen mich".

von Beust: Wähler wollen, dass die Basics stimmen. Sicherheit, Verkehr, Bildung, solche Dinge. Und das tun sie in Deutschland, vor allem im Vergleich dazu, was im Rest der Welt passiert.

ZEIT ONLINE: Ist Gerechtigkeit, das Wahlthema von Martin Schulz, nicht auch ein solches Basic?

von Beust: Ich finde, er liegt damit komplett daneben. Es klingt vielleicht blöd, aber die Wähler trauen niemandem zu, Gerechtigkeit zu schaffen. Zumal in einer Welt, die immer ungerechter wird. Die Menschen wählen lieber eine Partei, die ihnen verspricht, es geht aufwärts, als eine, die verspricht, sie fängt sie auf, wenn sie fallen.

ZEIT ONLINE: Dieses Versprechen funktionierte doch jahrzehntelang gerade in NRW ganz gut.

von Beust: Die CDU hat dort nicht in erster Linie aus inhaltlichen Gründen gewonnen. Einerseits siegte sie wegen der Person und Haltung von Angela Merkel, andererseits, weil sie einfach den besseren Wahlkampf gemacht hat. Die CDU hat ihre Leute besser mobilisiert, hat Hausbesuche in ihren Hochburgen gemacht, um die Leute zur Wahl zu bringen. Die SPD hingegen plakatierte beispielsweise in Schleswig Holstein: "Mehr Gerechtigkeit für alle". Das ist doch das Allerletzte. Eine katastrophale Werbung. Das hat weder Emotion noch Inhalt. Da könnten sie auch Plakate drucken mit: "Mehr Plus für alle". Dazu kam, dass die SPD sich bei allen drei Landtagswahlen viel zu siegessicher gegeben hat. Der Schulz-Hype hat die Wähler vielleicht sogar ein wenig demobilisiert. Weil sie dachten: Die SPD gewinnt doch eh.

ZEIT ONLINE: War es klug, dass die SPD die Koalition mit der CDU nun ausgeschlossen hat?

von Beust: Das ist ein taktisches Scharmützel, mehr nicht. Das sagen die jetzt, weil sie sehen, Schwarz-Gelb hat nur eine Stimme Mehrheit. Die SPD hofft, durch die Absage den Druck auf die schwarz-gelben Gespräche zu erhöhen. Und wenn die tatsächlich platzen, kann die SPD sagen: Ätsch. Wäre die Linke in den Landtag gekommen, hätte es außer für die große Koalitionnur für Jamaika gereicht. Da hätte sich die SPD sicher nicht so deutlich von der CDU entfernt.

ZEIT ONLINE: Wäre eine solche Jamaikakoalition für den Bund denkbar?

von Beust: Denkbar ja. Das würde einen gewissen Erneuerungsgeist bringen. Schaut man sich die Programme von Grünen und FDP an, sind die zu 60, 65 Prozent deckungsgleich. Aber sie sind ganz anders sozialisiert. Die FDP ist getrieben vom Mittelstand, von Selbstständigen, die Grünen von Akademikern, Lehrern, Hochschulen. Die sprechen eine unterschiedliche Sprache. Man müsste sehen, ob die Grünen das mitmachen. Ich würde der Union aber raten, im Wahlkampf keine Diskussionen um Koalitionen anzuzetteln. Im Zentrum muss stehen: Wer Merkel wählt, steht auf der sicheren Seite.

ZEIT ONLINE: Kann Schulz für die Bundestagswahl überhaupt noch aufholen?

von Beust: Wähler bilden sich ihre Meinung innerhalb der letzten zwei Wochen vor der Wahl. Das wird für die SPD trotzdem schon absehbar schwer. Auch in der Politik gibt es die Neigung zu "Join the winning team". Wähler setzen nicht auf Platzierung, sondern auf Sieg. Und die vermutete Siegerin ist Angela Merkel.