Torsten Albig umarmt auf einer Treppe im Kieler Landeshaus zwischen zwei Fernsehinterviews mit fahlem Gesicht eine Genossin. "So 'ne Kacke", ist der knappe Kommentar des gerade abgewählten SPD-Ministerpräsidenten. Die unerwartete klare Niederlage seiner Partei bei der Landtagswahl im hohen Norden, vor allem der große Abstand zur CDU seines Herausforderers Daniel Günther, haben ihn sichtlich hart getroffen. Die Küstenkoalition mit den Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband, der Vertretung der dänischen Minderheit, die er unbedingt fortsetzen wollte, ist Geschichte.

Günther wird fast zur gleichen Zeit eineinhalb Kilometer weiter bei der Wahlparty der CDU in der Seebar an der Kieler Förde begeistert als künftiger Regierungschef empfangen. "Daniel, Daniel" jubeln ihm Abgeordnete, Parteifunktionäre und viele Jung-Unionisten zu. Und dann singen sie freudetrunken "Daniel Günther – Ministerpräsident".

Sie können ihr Glück kaum fassen. Und Günther hat tatsächlich kaum Vorstellbares geschafft: Er hat die CDU aus der Opposition heraus in die zumindest mögliche Regierung gebracht, was seiner Partei in der Regierungszeit von Angela Merkel noch in keinem Land gelungen ist. Und er hat persönlich den selbstzufriedenen SPD-Ministerpräsidenten deutlich abgehängt.

Dabei war seine Ausgangslage denkbar ungünstig: Erst im November hatte Günther die Spitzenkandidatur übernommen. Bis kurz vor der Wahl war er deshalb im Land nicht sonderlich bekannt. Doch er hat, wie selbst Mitglieder der bisherigen Koalition einräumen, einen sehr engagierten, kämpferischen Wahlkampf geführt, während Albig eher den Staatsmann gab und den politischen Nahkampf seinem SPD-Landesvorsitzenden Ralf Stegner überließ.

Zudem hat die CDU offenbar die richtigen Themen getroffen. Günther versprach die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, mehr Investitionen in die marode Infrastruktur im Land und setzte auf das Thema Innere Sicherheit. Damit traf er anscheinend den Nerv vieler Wähler.

Es war aber auch ein sehr persönlicher Erfolg. Offensichtlich kam er im Wahlkampf als sympathisch und glaubwürdiger rüber, wie ihm nicht nur seine jubelnden Fans, sondern auch SPD-Mitglieder und Grüne zubilligten.   

Günther dankte in seiner Siegesrede natürlich Angela Merkel und der Bundespartei für ihre Unterstützung. Aber der große Stolz war ihm anzumerken, dass er und sein Team es in wenigen Monaten erreicht haben, die "Regierung Albig" abzulösen. Erst einmal jedoch sei er erleichtert, dass er die Wahl gewonnen habe, sagte er im kleinen Kreis. "Meine erste Reaktion war ein lauter Seufzer."