Das kleine Debakel der SPD in Schleswig-Holstein vor gut einer Woche war schon fast in Vergessenheit geraten, überdeckt von der weit größeren Niederlage der Genossen in Nordrhein-Westfalen. Doch am Dienstag spitzte sich das Drama der Sozialdemokraten im Norden wieder zu. Auf amateurhafte Art und Weise verspielten ihre führenden Leute die allerletzten Chancen, weiter in Kiel zu regieren und den Ministerpräsidenten in einer Ampelkoalition mit den Grünen und der FDP zu stellen. 

Am Mittag verkündete der geschlagene SPD-Ministerpräsident Torsten Albig nach neun Tagen des Zögerns seinen Rückzug. Aber da war schon alles gelaufen: FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki hatte eine halbe Stunde zuvor einer Ampelkoalition endgültig eine Absage erteilt. Und Albig trug daran, neben SPD-Landeschef Ralf Stegner, eine gehörige Mitschuld. Aus ist es nun nicht nur für ihn, sondern wohl auch für SPD als Regierungspartei im Norden. Genauso wie in NRW.  

Begonnen hatte das Schlussdrama im Grunde schon am Wahlabend in Kiel. Statt wie seine Düsseldorfer Kollegin Hannelore Kraft nach den deutlichen Verlusten der SPD sofort seinen Rückzug zu erklären, klammerte sich Albig an sein Amt. Er hoffte, ein Ampelbündnis mit dem bisherigen grünen Koalitionspartner und der FDP bilden zu können.

Kubicki schloss zwar zunächst eine Ampelkoalition nicht aus, ebenso wenig wie ein Jamaikabündnis mit dem CDU-Wahlsieger Daniel Günther und den Grünen. Aber er machte unmissverständlich klar: Mit Albig als Ministerpräsidenten werde es keine Ampel geben. Schließlich hatten die Liberalen ebenso wie die CDU für Albigs Ablösung gekämpft.

Ein Affront gegen die FDP

Der blieb dennoch dabei. Forderungen nach seinem Rücktritt auch aus der eigenen Partei wies Albig barsch zurück. Manche in Kiel deuten das als Ausweis seiner Arroganz. Aber dahinter stand noch etwas anderes: SPD-Chef Martin Schulz hatte Angaben aus Parteikreisen zufolge den "dringenden Wunsch" übermittelt, die Genossen in Kiel sollten bis zur Wahl in NRW stillhalten – eine völlig falsche Anweisung, wie sich nun herausstellte. Albig aber kam ihr nach. Erst am vergangenen Donnerstag deutete er an, er könne sich zurückziehen, wenn das seiner Partei helfe, mit Hilfe einer Ampel an der Macht zu bleiben.

Doch inzwischen war auch bei den Grünen der Ärger gewachsen. Bereits nachdem Kubicki einer Ampel mit Albig eine klare Absage erteilt hatte, gingen sie ebenfalls auf Distanz. Am Montag forderten Spitzenkandidatin Monika Heinold und Umweltminister Robert Habeck, der starke Mann der Nord-Grünen, die SPD dann auch öffentlich auf, ein ernsthaftes Angebot an die FDP zu machen. Sprich: einen anderen Kandidaten zu benennen. Sie fürchteten genau das, was dann einen Tag später eintrat: Dass sich die FDP von der von ihnen favorisierten Ampelvariante verabschieden würde, wenn die SPD zu lange zögerte.

Genau das passierte am Dienstag. Kurz bevor Albig hinwarf, hatte Kubicki eine Ampel in Kiel "definitiv" ausgeschlossen – egal unter welcher Führung. Auslöser dafür waren Äußerungen von Stegner. Der soll im SPD-Bundesvorstand am Montag in Berlin großspurig getönt haben, er sei sich sicher, dass er die Ampel in Schleswig-Holstein hinkriegen werde. In Kubickis Umfeld wurde das als Affront gewertet. "Stegner behandelt die FDP als Manövriermasse. Das entspricht nicht dem Wählerwillen", sagte ein Vertrauter. Mit eine Rolle gespielt habe bei der Entscheidung auch das Zaudern von Albig.