Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht in dem Erfolg ihrer Partei bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein noch keine Vorentscheidung für die Bundestagswahl. "Natürlich wird der Bundestagswahlkampf noch mal ganz anders", sagte Merkel. "Da hat sich gar nichts geändert durch das Ergebnis einer Landtagswahl." Die CDU-Kanzlerkandidatin fügte hinzu: "Landtagswahl ist Landtagswahl und Bundestagswahl ist Bundestagswahl."

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Nach dem vorläufigen Endergebnis wurde die CDU unter ihrem Spitzenkandidaten Daniel Günther mit 32 Prozent mit Abstand stärkste Partei vor der SPD, die auf 27,2 Prozent absackte. Drittstärkste Partei blieben die Grünen mit 12,9 Prozent vor der FDP, die deutlich auf 11,5 Prozent zulegte. Die rechtspopulistische AfD schaffte mit 5,9 Prozent auf Anhieb den Sprung in den Kieler Landtag, in dem auch der von der Fünfprozenthürde ausgenommene Südschleswigsche Wählerverband (SSW) vertreten sein wird, auf den 3,3 Prozent der Stimmen entfielen.

Für die CDU ist es nach der gewonnen Landtagswahl im Saarland der zweite Erfolg zum Auftakt des Wahljahres. Die SPD verlor hingegen zum zweiten Mal an Zustimmung. Nach der Nominierung von Martin Schulz zu ihrem Kanzlerkandidaten im Januar hatte die Partei in Umfragen zunächst zugelegt und auf Erfolge auch bei den Landtagswahlen gehofft. Die Partei mühte sich am Montag, die Schuldigen für den Stimmenverlust allein in Schleswig-Holstein zu suchen; Martin Schulz habe damit nichts zu tun. Dieser, sagte etwa Außenminister Sigmar Gabriel in der Passauer Neuen Presse, werde Kanzler, "weil er unverbraucht und kraftvoll ist". 

Schulz selbst sieht seine Partei in einer "schwierigen Lage", die man aber nur gemeinsam überwinden könne. "Wir sind eine solidarische Partei, die für Gerechtigkeit und Zukunftsorientierung steht und weiter kämpfen wird, auch wenn wir schon mal einen Rückschlag einstecken müssen", sagte er bei einem kurzen Auftritt in Berlin mit Albig. Bei den Mitarbeitern der SPD-Parteizentrale bedankte er sich: "Es gibt manchmal Momente im Leben, wo der Beifall wie warmer Regen ist. Und deshalb: Vielen Dank für diesen Beifall, weil er uns Mut macht."

Bei ihrem gemeinsamen Auftritt mit dem schleswig-holsteinischen Spitzenkandidaten ihrer Partei betonte Merkel, dass sie Schulz weiterhin als ernstzunehmenden Konkurrenten im Kampf ums Kanzleramt bei der Bundestagswahl im September sieht. "Jeder Herausforderer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, auch Martin Schulz, ist eine Aufgabe, mit der ich mich respektvoll auseinandersetze", sagte die CDU-Vorsitzende. Sie und Günther betonten gemeinsam den Anspruch, in dem nördlichen Bundesland eine neue Regierung zu bilden. Das Ergebnis am Sonntag bedeute "einen klaren Regierungsauftrag für die CDU Schleswig-Holstein".

Kubicki pro Jamaika, Habeck pro Ampel

Die Koalitionsverhandlungen dürften dennoch schwierig werden. Rein rechnerisch sind neben einer großen Koalition auch zwei Dreierbündnisse möglich: Entweder eine sogenannte Jamaikakoalition aus CDU, FDP und Grünen oder das Ampelkoalition genannte Bündnis aus SPD mit Grünen und FDP. Letztere präferieren die Grünen, allen voran der bisherige Landesumweltminister Robert Habeck. Entscheidend sei, dass ein Bündnis eine politische Idee habe, sagte er im rbb-Inforadio. "Wenn ich mir bei zentralen gesellschaftlichen Fragen anschaue, was die CDU will, dann ist das von den Vorstellungen von den Grünen doch ziemlich weit weg." Deswegen spreche aus der inhaltlichen Analyse für seine Partei mehr dafür, eine Ampelkoalition zumindest mal zu sondieren.

Die FDP wiederum würde gern eine Jamaikakoalition bilden – eine Koalition mit dem bisherigen Ministerpräsidenten Torsten Albig schließt FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki jedenfalls kategorisch aus. "Die Wahrscheinlichkeit für die Ampel tendiert gegen null", sagte er in Berlin. "Und unter der Führung von Torsten Albig ist sie wirklich ausgeschlossen." Zugleich verwies der 65-Jährige auf das gute Verhältnis seiner Landes-FDP zu den Grünen. Dieses sei "entspannter als anderswo". Es gebe einige unterschiedliche Ansichten zu Sachfragen, "aber es gibt keine unüberwindlichen Hindernisse bei uns", sagte Kubicki. Zu Habeck habe er ein gutes persönliches Verhältnis.

SPD: Umstrittenes Interview kostete Stimmen

Während Habeck angesichts des Ergebnisses für die Grünen von einer "kleinen Sensation" spricht, glaubt die SPD an "einen Bruch in den letzten 14 Tagen vor der Wahl". Sowohl Landesparteichef Ralf Stegner als auch Generalsekretärin Katarina Barley sprechen davon. "Ich kann mir das nur so erklären, dass es in den letzten zwei, drei Wochen gar nicht mehr so sehr um politische, um Gerechtigkeitsthemen ging, sondern eher um Dinge wie das Privatleben des Ministerpräsidenten", sagte Barley im NDR. "So sehen wir auch, dass offensichtlich vor allem Frauen weniger die SPD gewählt haben."

Die Bundespolitikerin spielt damit auf ein umstrittenes Interview von Landesregierungschef Albig an. Schilderungen zur Trennung von seiner langjährigen Ehefrau, die er als zu Hause "gefangene" Mutter und Hausfrau beschrieb, lösten eine Diskussion über das Frauenbild Albigs aus. Sein Leben habe sich schneller entwickelt als ihres und man habe sich kaum noch auf Augenhöhe ausgetauscht, hatte er der Bunten gesagt.

Nächster Testlauf NRW

Barley sagte auf die Frage, ob sie die Niederlage damit ausschließlich Torsten Albig zuschreibe: "Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen." Ähnlich zurückhaltend äußerte sich auch Stegner. Auf die Frage nach der politischen Zukunft seines Parteikollegen sagte er im Bayerischen Rundfunk: "Das müssen wir in Ruhe analysieren. Da werden jetzt nicht öffentlich Noten verteilt an einzelne Beteiligte.

Die SPD hofft jetzt auf einen Erfolg von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag. Ein Wahlerfolg dort gilt als Voraussetzung dafür, dass sich die Partei noch Erfolgschancen für die Bundestagswahl ausrechnen kann. "Unser Optimismus, unsere Bereitschaft zu kämpfen für eine andere Mehrheit im Bund ist ungebrochen", sagte Fraktionschef Oppermann.