Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - "Ein schwerer Tag für die SPD" Für die SPD verlief der Wahlabend schlechter als erwartet. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft tritt von allen SPD-Ämtern zurück und Kanzlerkandidat Martin Schulz will aus der Wahlniederlage lernen. © Foto: ZEIT ONLINE

Nun ist also passiert, was partout nicht passieren durfte und mit Katastrophe fast noch glimpflich beschrieben ist: Vier Monate vor der Bundestagswahl hat die Partei der deutschen Sozialdemokraten, die älteste und zurecht stolzeste politische Kraft Deutschlands, in Nordrhein-Westfalen, ihrem Stammland, einen Einbruch von historischem Ausmaß erlitten: 30 Prozent, fast 8 Punkte Verlust im Vergleich zur Wahl 2012, das schlechteste Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte des Landes (bisher 1947: 32 Prozent). Ist die Bundestagswahl damit entschieden? Radio Eriwan würde antworten: Im Prinzip ja. Der gesunde Menschenverstand in absurden Zeiten aber sagt: Mitnichten. 

Der Testfall, die kleine Bundestagswahl im 18-Millionen-Land, sollte eigentlich die Großschanze bilden, von der aus ein Sohn der Region, der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz aus Würselen bei Aachen, zum Höhenflug in Richtung Machtübernahme abhebt, um am 24. September punktgenau im Kanzleramt zu landen.

Nun ist Schulz bereits am Düsseldorfer Schanzentisch abgestürzt. Für die Strecke vom Überflieger, der mit seiner Kandidatur die SPD schlagartig auf Augenhöhe zur Union gehoben hat und die Kanzlerin plötzlich ausgelaugt wirken ließ, zum Crashpiloten brauchte er gerade mal sieben Wochen. Oder zwei Enttäuschungen (Wahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein) und eine Katastrophe (Ergebnis von NRW).

Verloren gegen einen belächelten Gegner

Was die Düsseldorfer Niederlage besonders bitter schmecken lässt: Die SPD hat nicht gegen eine global respektierte Regierungschefin verloren, die in einer Welt beschleunigten Irrsinns die Stimme der Vernunft verkörpert. Sie verlor gegen einen regional viel belächelten Kandidaten, der selbst für zahlreiche Parteifreunde vor Kurzem noch wahlweise "Armin Luschet" oder "Armin Flaschet" war. Erst mit ansteigenden Umfragewerten stieg er zu Armin Laschet auf. Wie will aber eine SPD, an der ein Flaschet vorbeiziehen kann, eine Angela Merkel schlagen?

Vor wenigen Wochen noch, im Hype des Anfangs, freute man sich als politischer Beobachter auf den ersten spannenden Wahlkampf seit zwölf Jahren. Damals, 2005, setzte sich die CDU-Kandidaten Merkel hauchdünn gegen den SPD-Kanzler Gerhard Schröder durch. Nun, nach dem (erneuten) Absturz der Genossen, erwischt man sich bei dem Gedanken, die nächsten vier Monate für ein Sabbatical in Neuseeland zu nutzen, um gut erholt und voller Elan wieder einzusteigen, wenn es dann wieder spannend wird: Im Herbst, wenn die Wahlsiegerin Merkel sondiert, mit wem sie künftig regieren will. Aber vielleicht würde man dann ja DIE Sensation seines Berufslebens verpassen.

Was aber gibt den Genossen – und auf anderer Ebene ihren Beobachtern – Hoffnung?

Zunächst einmal Hannelore Kraft.

Die Schlappe der SPD ist zu allererst ihre Schlappe. Die Ministerpräsidentin des bevölkerungsstärksten Bundeslandes hat im Verlauf ihrer siebenjährigen Amtszeit immer wieder so demonstrativ betont, keine bundespolitischen Ambitionen zu verfolgen, dass sie damit nicht nur sich selbst, sondern auch NRW verzwergte. Entsprechend lustlos-unambitioniert wirkte sie zwischendurch. Nur weil Kraft sich selbst und ihr Nordrhein-Westfalen klein machte, konnte das CDU-Wahlkampf-Narrativ vom Schlusslichtland so erfolgreich zünden. Letzter im Wirtschaftswachstum und Letzter in der Verbrechungsbekämpfung – das musste noch nicht einmal stimmen, um in einem verzwergten Riesenbundesland geglaubt zu werden. Laschet hat nicht Schulz geschlagen, sondern Kraft.