Seit diesem Sonntag gibt es ein neues politisches Zeitmaß: ein Schulz-Hype. Ein Schulz-Hype beschreibt die Dauer, in der die SPD aus ebenso unverhoffter wie komplett entgrenzter Hochstimmung in die übliche "Ach, das wird doch schon wieder nix"-Dauerdepression vor Bundestagswahlen zurückfällt. Sie umfasst, das weiß man jetzt, exakt zwei Landtagswahlen. Nach der ersten dient die beliebte Amtsinhaberin der politischen Konkurrenz noch als Ausrede dafür, dass der sozialdemokratische Rausch an sich selbst nicht zum Ziel getragen hat (Saarland). Und bei der zweiten verliert der eigene Amtsinhaber gegen ein milchgesichtigen Nobody, von dem noch nicht einmal alle, die ihn gewählt haben, wissen, ob er nun Daniel Günther, Günther Daniel oder Hauptsache Wasanderes heißt (Schleswig-Holstein).

Das Kieler Ergebnis lässt einen emotionalen Höhenflug abstürzen, der eigentlich noch eine weitere Landtagswahl (Nordrhein-Westfalen) und eine Bundestagswahl anhalten sollte. Bis die SPD, so die Verheißung, wieder dort als Hausherr einzöge, wo sie zwölf Jahre lang nur als Gast gesichtet würde: im Kanzleramt. Die NRW-Wahl, als Vorbote des Triumphes im Herbst fest eingeplant, könnte nun schon am kommenden Wochenende alle sozialdemokratischen Ambitionen endgültig crashen lassen. 

Willkommen im Trümmerfeld. Geht auch das Herzland der Sozialdemokratie, die Heimat des Kanzlerkandidaten Martin Schulz, verloren – der Trend weist dorthin –, kann Angela Merkel die Sondierungsgespräche für die neue Bundesregierung schon mal beginnen. Mit wem auch immer. Und das nachdem vor wenigen Wochen erst ein triumphaler Start-Ziel-Sieg des Überraschungskandidaten Schulz schon ausgemacht schien. Fast wirkt es nun so, als hätte das Schicksal die SPD absichtlich den berauschenden Geschmack der Sensation kosten lassen – um sie danach umso brutaler in die Verzweiflung zu stürzen. Wäre man Sozialdemokrat, würde man weinen.

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Sicherlich gehen die Verluste der Schleswig-Holstein-SPD auch auf Konto ihres Ministerpräsidenten Torsten Albig. Dem hochpopulären CDU-Vorhaben, die Dauer der Gymnasialzeit wieder von acht auf neun Jahre anzuheben, hatte Albig wenig mehr entgegenzusetzen als ein trotziges Nein. Und in der Bunten, dem Fachorgan für allzu Menschliches, rauszuposaunen, er habe sich von seiner ersten Frau getrennt, weil sie als Hausfrau auf Dauer keine Augenhöhe halten konnte, ist von solch erlesener Dämlichkeit, dass er mit rund drei Prozentpunkten Verlust eigentlich noch zu gut wegkommt.

Doch neben Albig und dem Schicksal gibt es noch andere Gründe, warum das Jahr, das so verheißungsvoll begann, nun in sozialdemokratischen Blues umschlägt. Den Anfang, dem der Zauber der Verzückung innewohnte, haben die Genossen zu lange ausgekostet, um rechtzeitig mit klarem Kopf einen Fahrplan entwerfen zu können, wie der Kandidat die lange Strecke bis zum Programmparteitag im Juni mit mehr ausfüllen könnte als mit sich selbst. Und da, wo dem einst hochambitionierten Fußballertalent Schulz die Chancen unverhofft vor die Füße purzelten, verstolperte er sie.

Merkel trifft Trump, Schulz probiert Sprotten

In der Bundeswehr führt ein Rechtsextremer ein Doppelleben als hochmotivierter Oberleutnant und syrischer Flüchtling, plant Anschläge, wird hops genommen – und der Kandidat Schulz lässt ausgerechnet Ursula von der Leyen, die Lieblingsfeindin der Genossen, über Tage ungeschoren davonkommen. Was ist nur aus dem Kampfgeist geworden, den Schulz in den ersten Wochen seiner Kandidatur mit jeder Pore verkörperte?

Nun erweist sich als Nachteil, was vor Kurzem noch ein Vorteil schien: Schulz kann völlig frei von jedem Amt agieren, im permanenten Wahlkampfmodus die Kanzlerin attackieren und Distanz halten zu allem, was den Leuten an der großen Koalition missfällt. Doch diese Freiheit ist die Freiheit der Leere. Merkel trifft in Washington Donald Trump, trifft in Berlin Ivanka Trump, trifft in Moskau Wladimir Putin – Martin Schulz trifft in Eckernförde Fischer und probiert Sprotten. Die Kanzlerin bespielt die Weltbühne – und der Kandidat muss sich erst mal ein Podium bauen, damit er wahrgenommen werden kann. Politik machen ist immer eindrucksvoller als Politik kommentieren. Und der G20-Gipfel in Hamburg kommt erst noch.

Kann Schulz die Stimmung noch mal drehen? Und womit? Auf den Schienen der sozialen Gerechtigkeit ist sein Zug nicht weitergekommen als zur Generalüberholung. Eine Woche bleibt ihm nun, um die Leute davon zu überzeugen, dass von ihm noch mehr kommen kann, als die nächste sozialdemokratische Enttäuschung.

Plakate mit Aufschriften wie "London, New York, Paris, Würselen" wirken nur so lange kultig, wie es realistisch scheint, dass ein Würselener demnächst Weltpolitik machen kann. Nun wirken sie unfreiwillig komisch. Um von "Jetzt ist Schulz" zu "Jetzt ist Schluss" zu kommen, braucht es nicht viel. Nur wenige Buchstaben – und maximal drei Wahlergebnisse. Das dritte kommt nächsten Sonntag.