Das Bundesministerium der Verteidigung ist ein Himmelfahrtskommando. Noch jeder Amtsinhaber hatte mit Problemen, Herausforderungen und unliebsamen Überraschungen zu kämpfen, wie sie in solch bedrängender Fülle, Unterschiedlichkeit und Intensität in keinem anderen Ministeramt auftreten. Einige der mittlerweile 17 Bundesverteidigungsminister sind darüber gestürzt. Soll es jetzt Ursula von der Leyen an den Kragen gehen?

Das Amt ist ein Himmelfahrtskommando, weil es mehrere höchst verschiedene Amtsbereiche umfasst. Verteidigungsminister heißt: Truppenminister, Sicherheitsaußenminister, Wehrfinanzminister, Rüstungsminister, strategischer Vordenker. Nicht alle Amtsinhaber haben in all diesen Bereichen geglänzt. Wenige nur haben sich um alle gekümmert. Über die Vernachlässigung eines einzigen sind dann manche gestolpert.

Die Ministerin von der Leyen hat die Bundeswehr der gesellschaftlichen Wirklichkeit angepasst; die Einrichtung von Kitas, Kabelfernsehen und Flachbildschirmen mag die Attraktivität der Bundeswehr erhöht haben. Sie hat im Dschungel der Rüstungsbeschaffung die Machete angesetzt. Dem Finanzminister hat sie mehrere zusätzliche Milliarden entlockt. In der Nato ist sie eine respektierte Vertreterin der Bundesrepublik. Als strategische Vordenkerin hat sie sich mit der Forderung nach Übernahme von mehr weltpolitischer Verantwortung hervorgetan, auch im neuen Weißbuch, obwohl da noch viel Präzisierung im Kleingedruckten nachzutragen wäre.

Mit der Einführung der 40-Stunden-Woche nach EU-Arbeitsrecht, die sie wie andere Nationen aus Sicherheitsgründen hätte aussetzen können, hat sie sich aber beispielsweise die fatale Folge eingebrockt, dass die Kasernen sich täglich um 16.30 Uhr leeren. Eine Dienstaufsicht für die Verbleibenden gibt es kaum mehr, seit Spieß und Unteroffizier vom Dienst etc. nicht mehr in den Kompaniegebäuden, sondern in den Bataillonsstäben angesiedelt sind. Dies mag manche Vorfälle der jüngsten Zeit erklären.

Um die Innere Führung hat sich die Ministerin jedenfalls nicht genug oder, wer weiß, überhaupt nicht gekümmert. Und als die Machenschaften des famosen Oberleutnants Franco A. ruchbar wurden, hat sie ohne Not die gesamte Bundeswehr unter Wehrmachtsverdacht gestellt und eine in ihrer Maßlosigkeit lachhafte Ausputz-Aktion in den Kasernen und sogar den Bundeswehr-Universitäten in München und Hamburg angestoßen.

Widerstandskämpfer als Vorbilder für die Bundeswehr

Es ist jetzt genau sechzig Jahre her, dass die 1955 gegründete Bundeswehr ihre ersten einsatzfähigen Einheiten der Nato unterstellte, zwei Minenräumgeschwader am 1. April und im Juli die ersten drei Grenadier-Divisionen. Den Aufbau leiteten alte Wehrmachtsoffiziere wie die Generale Speidel und Heusinger (der am 20. Juli 1944 in der Führerbaracke neben Hitler stand, als Stauffenbergs Bombe explodierte), aber auch Offiziere wie die Grafen Kielmannsegg und Baudissin, die Urheber der Inneren Führung – des Konzeptes, das die Bundeswehr von vornherein von der Wehrmacht unterscheiden sollte. Der Soldat sollte "Staatsbürger in Uniform" sein, nicht herumkommandierter Untertan. Und nicht von ungefähr verlegte Volker Rühe nach der Wiedervereinigung den Sitz des Ministeriums in den Berliner Bendlerblock, wo am 20. Juli 1944 die Anführer des Widerstandes gegen Hitler erschossen wurden – ihr Geist sollte die Ausrichtung der Bundeswehr bestimmen.

Nicht allen passte dieses Konzept. Als Helmut Schmidt 1969 Bundesverteidigungsminister wurde, war eine seiner ersten Amtshandlungen die Entlassung des Generalmajors Hellmut Grashey. Der stellvertretende Inspekteur des Heeres hatte im Moltke-Saal der Führungsakademie gegen den Wehrbeauftragten gestänkert ("eine Institution des Misstrauens; die Post hat auch keinen Sonderaufpasser"). Zugleich wetterte er gegen die politische Führung und das Prinzip der civil control der Bundeswehr. Schließlich verstieg er sich zu der Behauptung, die Innere Führung sei eine "Maske", die man nur der SPD wegen hätte anlegen müssen, nun müsse man sie endlich ablegen.

Helmut Schmidts Rolle im zweiten Weltkrieg ist gar nicht so ungeklärt

Eine solche Entgleisung würde heute nicht mehr passieren. Es gibt in der Bundeswehr keine Traditionalisten-Kamarilla mehr. Ein Grashey ist weit und breit nicht in Sicht. Sehr wohl allerdings gibt es indes auf der unteren Ebene immer wieder Verstöße gegen die im Handbuch für Innere Führung festgelegten Regeln, wo es um die Reaktion einzelner Vorgesetzter auf rechtsextreme Anwandlungen einzelner Bundeswehrangehöriger geht.

Der Ministerin werden derlei Einzelfälle schwerlich vorgetragen. Trotzdem hätte sie ganz allgemein wissen können, ja müssen, dass rechtsextreme Ausfälle vorkommen können; die Bundeswehr spiegelt da unausweichlich ein Stück gesellschaftliche Wirklichkeit wider. Und sie hätte der militärischen Führung ganz allgemein einschärfen sollen, auf extremistische Einstellungen ein achtsames Auge zu haben. Andererseits fragt man sich schon, ob den führenden Militärs dies wirklich extra eingeschärft werden muss. So haben sie die Ministerin gegen die Wand laufen lassen – und lassen sie jetzt, wo sie in hektischer Überreaktion die Streitkräfte unter den Verdacht der Wehrmachts-Nostalgie stellt, im Regen stehen.

Ich frage mich: Musste das Bild aus dem Jahr 1940, das den Leutnant Helmut Schmidt in Luftwaffenuniform bei einer Flakstellung in Bremen zeigt, wirklich im Flur eines Wohnheims der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität abgehängt werden? Es ist ja kein "Ostfront-Bild", und es war nicht "weithin sichtbar an der Wand", wie Michael Wolffsohn fälschlicherweise unterstellt; auch weiß niemand, wer es eigentlich aufgehängt hat; vielleicht ja der Hausmeister. Und hätte es tatsächlich "wegen Schmidts ungeklärter Haltung als Offizier" nur mit Kommentierung aufgehängt werden dürfen?

Ein Gesinnungswandel, der die neuen deutschen Streitkräfte prägte

So ungeklärt ist diese Rolle ja keineswegs. Schmidt tat Dienst im Stab einer Flakartillerieschule; meldete sich 1941 an die Front, um "dem ruhmlosen Papierkrieg in Berlin" zu entgehen; machte von August 1941 bis Januar 1942 erst den Vormarsch auf Moskau, dann den Beginn des Rückzugs mit; wurde daraufhin nach Berlin zurückbeordert; erlebte das Kriegsende als Oberleutnant an der Eifel. Von der Judenvernichtung sah er in Russland nichts; bis zuletzt bestritt er, überhaupt davon gewusst zu haben. Indes verschwieg er nie, dass er oft genug russische Dörfer habe beschießen müssen, in denen er dann das verbrannte Menschenfleisch nicht nur von Rotarmisten und Partisanen, sondern auch der Dorfbewohner riechen konnte (ein Geruch, den er 1943 im zerbombten Hamburg wiedererkannte). Unumwunden räumte er ein: "Niemand hat die Truppe damals über die Genfer Konventionen belehrt. Nach heutigen Begriffen hätte ich wohl ein Dutzend Mal vor ein Kriegsgericht gestellt werden müssen."

Sein Leben lang hat Helmut Schmidt, wenn er über den Zweiten Weltkrieg sprach, nur von dem "Scheißkrieg" gesprochen. Als Bundestagsabgeordneter, als Verteidigungsminister und als Kanzler hat er alles dafür getan, dass die Bundeswehr eine ganz andere Streitkraft als die Wehrmacht geworden ist. Sein Bild in Leutnantsuniform muss zwar nicht im Empfangsraum der nach ihm benannten Universität hängen, doch hat es durchaus Sinn, es den dort studierenden Offiziersanwärtern an anderer Stelle zu zeigen – als Ausgangspunkt eines Gesinnungswandels, der den Geist der neuen deutschen Streitkräfte prägte.

Kein Grund, mich für meinen Großvater zu schämen

Und das Großreinemachen, die Entfernung der letzten, selbst der harmlosesten nach einem halben Dutzend ähnlicher Säuberungen noch verbliebenen Wehrmachts-Memorabilia, sollten wir nicht übertreiben.

Keiner ist bloß deswegen ein Nazi, weil er noch ein Bild seines Vaters oder Großvaters in der feldgrauen Uniform an der Wand hängen hat. Ich werde jedenfalls das Bild meines Vaters als Wehrmachtssoldat nicht in einer Schublade verschwinden lassen. Er diente in Rommels Afrikakorps und kam mit einem Bauchschuss aus dem Krieg zurück – ein tapferer, aufrechter Mann, missbraucht von einem unheilvollen, verbrecherischen System. Ich sehe keinen Grund, mich für ihn zu schämen. Und ich würde es auch für ein sehr fragwürdiges Geschichtsverständnis halten, sollten jetzt im Zuge der Leyen'schen Aufräumaktion die beiden letzten Rommel-Kasernen umbenannt werden. Strategie und Taktik des Wüstenfuchses werden eh an der Führungsakademie weiter gelehrt werden müssen.

Der Autor war 1969/70 unter Helmut Schmidt Leiter des Planungsstabes im Bundesministerium der Verteidigung. Er ist Ehrensenator der Helmut-Schmidt-Universität.