Zu den vorteilhaften Eigenschaften von Angela Merkel gehörte bisher, dass sie in allem Üblen immer noch etwas Positives zu erkennen versuchte. Das galt auch noch lange Zeit nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Als andere den neuen Mann im Weißen Haus längst als Gefahr für die Welt abgeschrieben hatten, hoffte sie weiter, dass Trump nach seinem Amtsantritt vielleicht doch noch Vernunft annehmen würde. Und dass es ihr gelingen werde, auch mit ihm am Ende konstruktiv zusammenzuarbeiten.

Die Hoffnung trog ganz offenkundig. Spätestens nach dem faktischen Scheitern des G7-Gipfels auf Sizilien, wo Trump die USA in allen wichtigen Fragen vom Klimaschutz bis zum Handel erneut völlig isolierte, musste sie erkennen: Mit diesem amerikanischen Präsidenten ist eine Zusammenarbeit nahezu unmöglich. Und sie sprach das jetzt zum ersten Mal so deutlich aus, dass es auch in Amerika gehört wurde.

Für Merkel selbst bedeutet die klare Abwendung von Trump und seiner Regierung eine ebenso tiefe Zäsur wie für Deutschland. Die Kanzlerin aus dem Osten ist eine zutiefst überzeugte Transatlantikerin. Sie hat sich 2003 als Oppositionsführerin für eine deutsche Beteiligung am amerikanischen Einmarsch in den Irak eingesetzt, obwohl die breite Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland dagegen war. Sie steht, ganz in der Tradition der CDU seit Konrad Adenauer, für eine eindeutige Westorientierung in Richtung USA. Deshalb auch ihre Gegnerschaft zu Wladimir Putin. Von einer Äquidistanz zu den USA wie zu Russland hat sie – anders als viele Deutsche und manche in der SPD – nie etwas gehalten.

Doch der G7-Gipfel und das Verhalten von Trump dort, ähnlich wie vorher schon beim Nato-Treffen in Brüssel, haben ihr die Augen endgültig geöffnet: Mit einem Präsidenten, der es ablehnt, die gegenseitige Beistandspflicht im westlichen Militärbündnis zu bekräftigen, und der es offenlässt, ob die USA unter ihm aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen werden, ist die bisherige westliche Führungsmacht kein zuverlässiger Partner mehr. Deutschland und Europa müssen sich von Trump-Amerika freimachen und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen – in der Außen- und Verteidigungspolitik ebenso wie im Klimaschutz oder in der Handelspolitik.

Merkels Absage gilt allerdings nicht den USA, wie ihr Sprecher Steffen Seibert am Montag betonte, sondern allein Trump und seiner Regierung. Die Beziehungen zu den USA bleiben für sie ein zentraler Pfeiler der deutschen Außenpolitik. Aber sie sind schwer gestört.

Ein tiefer atlantischer Graben

Allein das ist eine höchst bemerkenswerte Aussage: Noch kein deutscher Kanzler ist jemals so deutlich auf Distanz zur gesamten Politik eines amerikanischen Präsidenten gegangen wie Merkel jetzt. Gerhard Schröder hat zwar 2003 eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg von George W. Bush abgelehnt und damit heftige Reaktionen in den USA ausgelöst. Aber er hatte zwei Jahre zuvor Amerika nach den Anschlägen von 9/11 auch die uneingeschränkte deutsche Solidarität zugesichert und Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan geschickt. Und er hatte daran mitgewirkt, dass die Nato damals zum ersten Mal in ihrer Geschichte den militärischen Beistand für ein Mitgliedsland, die USA, nach Artikel 5 des Bündnisvertrags erklärte – ein klares Zeichen der Unterstützung, die Trump jetzt beim Gipfel in Brüssel den osteuropäischen und baltischen Staaten verweigerte, die sich von Putins Russland bedroht fühlen.

Man kann es auch so und noch ernster ausdrücken: Wenn sogar Merkel, die überzeugte Proamerikanerin, nach den jüngsten ernüchternden persönlichen Erfahrungen mit Trump tief frustriert ihre Hoffnungen auf eine Besserung in Washington für die nächsten Jahre aufgibt, dann ist es um das Verhältnis im Westen tatsächlich äußerst schlecht bestellt. Zwischen den USA und Europa klafft ein atlantischer Graben, der sich ständig verbreitert. Schon unter Barack Obama, der Merkel, Deutschland und Europa sehr zugetan war, hatte sich das angebahnt: Er wandte sich Asien zu und die USA damit ein ganzes Stück vom alten Kontinent ab.