Es hat sich eingespielt, dass bei Wahlen Parteistrategen und Journalisten von den Demoskopen erste Wahltrends bekommen, vertraulich, noch bevor die Wahllokale schließen. Das führt dann zu einer kuriosen Ungleichzeitigkeit, Schrödingers Wahlabend gewissermaßen: Während SPD-Anhänger, die in Scharen ins Willy-Brandt-Haus geströmt waren, noch mit einem Sieg rechnen, stehen in ihrer Mitte Politiker mit betroffenen Mienen in einer Pressetraube und erläutern die "derbste Niederlage seit Langem".   

"Es war ein Fehler, dass Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen geglaubt hat, sie schaffe das alleine und brauche keine Hilfe aus Berlin",  sagt ein Mitglied des Parteivorstandes. "Das kann man schon machen, aber dann muss man als Regierungschefin auch liefern bei den versprochenen Themen wie Bildung und Gerechtigkeit." Tatsächlich hatte sich der SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz merklich im Wahlkampf in seiner Heimat zurückgehalten. Er war zwar durch das Land getourt, hatte aber auf große Reden, Programmdebatten und Strategiepapiere verzichtet.  

Etwa zur gleichen Zeit auf der Wahlparty der SPD in Düsseldorf: Hier ist es geschäftig ruhig, viele Partygäste essen noch schnell etwas vor 18 Uhr. Sektflaschen, wie bei dem politischen Gegner, die über die großen Leinwände an der Wand laufen, sucht man hier vergebens.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen - "Ein schwerer Tag für die SPD" Für die SPD verlief der Wahlabend schlechter als erwartet. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft tritt von allen SPD-Ämtern zurück und Kanzlerkandidat Martin Schulz will aus der Wahlniederlage lernen. © Foto: ZEIT ONLINE

Als die Prognose kommt, ist die Erregungskurve im Publikum kurz: Kurze Stille bei der eigenen Partei, kurzes Stöhnen bei der CDU, keine wirkliche Reaktion auf den Rest und dann noch mal lauteres Stöhnen bei der AfD. Dann macht sich Ratlosigkeit breit.

Pflichtapplaus für Kraft

"Kann echt nicht wahr sein", raunt eine. "Die Briefwähler kommen ja noch dazu", hofft ein anderer. Viele Sozialdemokraten schütteln nur traurig den Kopf und halten sich an einem Bierglas fest, wenn man sie nach ihrer Meinung zum Wahlergebnis fragt.

Vor ein paar Monaten hat hier niemand an einem Sieg gezweifelt. An diesem Abend vergingen zwischen der ersten Prognose mit Schließung der Wahllokale um 18 Uhr und dem Rücktritt Hannelore Krafts vom SPD-Landesvorsitz und vom stellvertretenden Bundesparteivorsitz gerade einmal 20 Minuten. Die Frau, die mal als Kanzlerkandidatin der SPD gehandelt wurde, erntet bei ihrem kurzen Auftritt nur einen Pflichtapplaus.

Kraft nimmt den Fehler auf sich

Ihre Stimme wackelt kurz ein wenig, dann sagt Kraft gleich zu Anfang einen Satz, den sie im Laufe des Abends noch mehrmals wiederholen wird. "Ich wünsche Armin Laschet eine glückliche Hand für unser Land." Das klingt fast schon zu locker und ein bisschen nach den vielen Übereinstimmungen der Spitzenkandidaten beim letzten TV-Duell in NRW. Dann verkündet Kraft ihren Rücktritt.

"Ich hatte Berlin gebeten, sich aus der Landespolitik rauszuhalten", sagt sie. Der Rücktritt ist die Konsequenz. Acht Prozentpunkte hat sie laut Hochrechnungen verloren, ihre SPD wird deutlich um drei Punkte hinter der CDU zweitstärkste Kraft. Die SPD-Basis in Berlin ist via Flatscreen dabei, wie die scheidende Ministerpräsidentin ihren Abgang erklärt, und da brandet überhaupt zum ersten Mal an diesem Abend Applaus auf unter den Genossen – aus Respekt vor diesem Schritt.

War's das mit dem Hype?

Die SPD, Wahlverlierein Kraft eingeschlossen, einigt sich also auf diese Erzählung: Was in NRW passiert, hat mit Martin Schulz und der Bundestagswahl nichts zu tun. Dabei hatte Schulz noch bis vor Kurzem verbreiten lassen, es sei seine eigene Strategie gewesen, sich aus den Landtagswahlen rauszuhalten. Er wäre also mit schuld an der Strategie, die nicht gezündet hat. Doch die Partei stellt sich vor ihren Vorsitzenden, der in der Euphorie des Anfangs unvorsichtig genug war, sein eigenes Schicksal eng mit dieser Wahl zu verknüpfen: "Wenn Hannelore gewinnt, werde ich auch Kanzler", hatte er zum Wahlkampfauftakt gerufen – ein Lapsus, der der Kanzlerin nie unterlaufen wäre.

War's das also mit dem Schulz-Hype? Seit er zum Kanzlerkandidaten wurde, hat die SPD immerhin zwei fest eingepreiste Landtagssiege in Niederlagen verwandelt. "Vor Martin Schulz waren unsere Werte noch schlechter, dann kam der Hype und jetzt wird sich das einpendeln", glaubt ein Genosse in Düsseldorf. "Laschet und Lindner kamen bei den Jungen besser an", muss ein anderer Sozialdemokrat eingestehen. "Das Bundesland steht vor großen Problemen, die kann man nicht einfach so lösen, etwa der historisch gewachsene Strukturwandel." Dass die SPD in diesem Bundesland dafür aber eigentlich historisch viel Zeit hatte, will er nicht als Gegenargument zählen lassen. Um 19 Uhr ist die Party so gut wie ausgestorben.