Da standen sie sich gegenüber, im Wahlstudio der ARD um kurz nach acht Uhr an diesem Wahlabend. Es sah so gar nicht danach aus, als würden sie sich aufeinander freuen. Links Armin Laschet, Wahlsieger der CDU, rechts Christian Lindner, Wahlsieger der FDP in Nordrhein-Westfalen. Lindner sagte: "Ich bin nicht der Wunsch-Koalitionspartner von Herrn Laschet, und er ist nicht meiner." Laschet verzog die Mundwinkel, und es war nicht ganz klar, ob aus Ärger oder aus Belustigung.

Es ist merkwürdig: Da haben CDU und FDP das erste Mal seit Langem wieder eine eigene Mehrheit, wenn auch eine knappe, und dann wollen sie nicht so recht miteinander. Woran liegt das? Und werden sich CDU und SPD stattdessen tatsächlich auf eine große Koalition einlassen?

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Am Morgen nach der Wahl sagt Bodo Löttgen, Generalsekretär der CDU in Nordrhein-Westfalen: "Wir werden jetzt in Ruhe ausloten, in welcher Konstellation wir unsere eigenen Inhalte am besten umsetzen können." Das ist zwar einerseits die übliche Nach-Wahl-Floskel, andererseits aber doch bemerkenswert. Es sollte doch selbstverständlich so sein, dass die CDU die größten Gemeinsamkeiten mit der FDP hat, ihrem früheren und liebsten Koalitionspartner.

Aber der Wahlkampf hat einige inhaltliche Unterschiede zwischen den beiden sichtbar gemacht: Die CDU will die Schleierfahndung einführen und mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum. "Wir sind gegen die anlasslose und massenhafte Überwachung", schreibt dagegen die FDP in ihrem Wahlprogramm. Löttgen sagt: "In den drei wichtigsten Punkten – Sicherheit, Infrastruktur und Bildung – werden wir nach diesem Wahlergebnis nicht von unseren Forderungen abrücken."

Die CDU lehnt Studiengebühren ab, die FDP will den einzelnen Unis die Entscheidung darüber überlassen. Diese "Studienbeiträge" sollen nach dem Studium als "Erfolgsprämie" von maximal 500 Euro je Semester gezahlt werden. Die CDU will die Mietpreisbremse nicht unbedingt abschaffen, die FDP schon. Die CDU will am Tariftreuegesetz, das die Vergabe öffentlicher Aufträge an die Einhaltung tarifvertraglicher Mindeststandards bindet, festhalten. Dagegen will die FDP das Gesetz ersatzlos streichen.

Wichtiger noch als diese inhaltlichen Differenzen dürften aber die taktischen Erwägungen sein. Lindner versucht seit Jahren, die FDP für fast alle Koalitionen offen zu halten, um sich nicht an eine der großen Parteien zu ketten. Schwarz-Gelb in NRW, wo er Spitzenkandidat war, würde ihn wieder in die alte, enge Ecke rücken. CDU-Mann Löttgen sagt: "Lindner geht nach Berlin, sein Fokus ist nicht unser Bundesland, sondern die Bundestagswahl." So ist es zu erklären, dass der FDP-Vorsitzende die CDU in Nordrhein-Westfalen zu den Sozialdemokraten drängt: "Wenn kein anderes Bündnis möglich ist, müssen Union und SPD noch vor der Bundestagswahl eine große Koalition bilden."

In der Reihe hinter Lindner, die dann nach dessen Weggang zu Zug kommt, könnte die Bereitschaft für ein Bündnis mit der CDU aber größer sein. Die Nummer zwei des Landesverbandes, Joachim Stamp, sagte noch in einem am Samstag erschienenen Interview: "Mit der CDU gibt es die meisten inhaltlichen Überschneidungen." Für die FDP wäre es bequemer gewesen, gegen eine große Koalition Opposition zu machen. Aber nun, da es die Chance zu Schwarz-Gelb gibt, dürfte sie Probleme haben, ihren Wählern zu erklären, warum sie nicht regieren will. 

Doch am Ende Schwarz-Rot?

Und die große Koalition? Laschet hatte am Wahlabend ein solches Bündnis nicht ausschließen wollen und spielte rhetorisch mit beiden Optionen. NRW soll mit der neuen Regierung ein "tolerantes liberales Land bleiben" – das wäre das Signal an die FDP. "Wir brauchen eine stabile Mehrheit" – die gibt es nur mit der SPD und nicht mit der knappen schwarz-gelben Mehrheit von nur einem Sitz im Landtag.

Inhaltlich müssten CDU und SPD einiges klären: Die Union ärgert sich darüber, dass die Sozialdemokraten durch landeseigene Betriebe Schulden aufnehmen, die dann nicht im Haushalt auftauchen. Die SPD will die Kitagebühren senken, die CDU will lieber die Qualität verbessern. In der Schulpolitik hatte Laschet schon vor der Wahl großmütig angekündigt, Kompromisse eingehen zu wollen und sich "mit allen einigen" zu können.

Bei der Inneren Sicherheit hätte die CDU mit der SPD wieder mehr gemeinsam, obwohl Innenminister Jäger eines der Lieblingsziele konservativer Kritik war: Mehr Polizei, Stärkung der Justiz und eine Ausweitung der Videoüberwachung wären mit einer großen Koalition möglich.

Die SPD ist gerade allerdings nicht in der Stimmung für Koalitionsverhandlungen. Die CDU sei in der Position, Gespräche zu beginnen und die würden ja wohl zuerst mit deren Wunschpartner FDP geführt werden, hieß es aus der Düsseldorfer Parteizentrale. Einen Anruf erwartet hier niemand. Am Montagabend wird in einer Vorstandssitzung besprochen, wie es für die Sozialdemokraten weitergeht und wer auf Hannelore Kraft folgen wird. "Wir müssen uns erst mal sammeln", sagte ein SPD-Sprecher am Morgen nach der Wahl.

Am Montagnachmittag twitterte Christian Lindner dann ein Bild von sich und Laschet, die beiden hatten sich zufällig am Flughafen in Berlin getroffen. Vielleicht hilft ja ein gemeinsamer Rückflug nach Düsseldorf bei der Koalitionsbildung. Lindner beendete seinen Tweet jedenfalls mit einem lächelndnen Smiley.