Offiziell ist die Angelegenheit schnell erklärt. Die AfD macht keine gemeinsame Sache mit der rechtsextremen Identitären Bewegung. Das ist die Parteiposition. Vor knapp einem Jahr, im Juni 2016, hat sich die AfD-Spitze verbindlich darauf festgelegt. "Der Bundesvorstand stellt fest", heißt es in einem Beschluss, "dass es keine Zusammenarbeit der Partei Alternative für Deutschland und ihrer Gliederungen mit der so genannten 'Identitären Bewegung' gibt."

Auf diesen Satz verweist die AfD seither, wann immer der Verdacht aufkommt, ihre Beziehungen zu der extrem rechten Gruppe könnten doch enger sein. "Mit einer Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, machen wir uns nicht gemein", bekräftigt AfD-Chef Jörg Meuthen im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Deshalb müsse der Unvereinbarkeitsbeschluss natürlich eingehalten werden.

Doch mit dem, was wirklich an der Parteibasis läuft, lassen sich Meuthens Äußerungen kaum in Einklang bringen.

Haftbefehl gegen Doppelaktivisten

Freitag, 19. Mai 2017. Aktivisten der Identitären versammeln sich vor dem Bundesjustizministerium in Berlin, um dort gegen die Politik des Ministers Heiko Maas zu protestieren. Ein Identitären-Mitstreiter hat einen Transporter gemietet. Als der Wagen vorfährt, ist die Polizei schon da. Ihre Ermittler sind überzeugt: Am Steuer sitzt der Schatzmeister der Berliner AfD-Parteijugend, Jannik Brämer. Die Identitären-Aktion geht schief. Brämer wird vorgeworfen, mit dem Mietfahrzeug beinahe einen Polizisten umgefahren zu haben. Die Polizei hat sogar mit Haftbefehl nach dem Vorstandsmitglied der Jungen Alternative (JA) gesucht. Das kommt nicht alle Tage vor in einer Partei wie der AfD, die inzwischen in 13 Landesparlamenten vertreten ist.

Brämer ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Und Parteichef Meuthen weiß von nichts, als sich ZEIT ONLINE erkundigt, wie die Doppelrolle des Berliner AfD-Jungfunktionärs und Identitären-Aktivisten zum Unvereinbarkeitsbeschluss seiner Partei passt. Ihm sei dieser Fall völlig unbekannt, sagt der AfD-Vorsitzende. Dabei bemühen sich die AfD-Führung in Berlin und der Bundesvorstand der Jungen Alternative zu diesem Zeitpunkt längst um Schadensbegrenzung.

Meuthens Reaktion ist typisch. Wegschauen, kleinreden, taktieren: So geht die AfD-Spitze seit Monaten mit den Identitären-Helfern in ihrer Partei um. Die wechselseitige Unterstützung von Identitären und AfD-Mitgliedern findet längst nicht mehr nur im Ausnahmefall statt. Das muss auch die Parteiführung wissen. Sanktionen veranlasst sie allerdings nur im Ausnahmefall, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Auch die Junge Alternative lässt bewusst Hintertüren im Umgang mit Identitären in den eigenen Reihen offen, wie ein von tagesschau.de veröffentlichtes Dokument zeigt. Denn die Partei und ihr Jugendverband haben noch ein weiteres Problem. Einige einflussreiche Funktionäre lehnen die Abgrenzung von der extrem rechten Gruppe ab und halten sich einfach nicht an den verordneten Sicherheitsabstand.

AfD-Fraktionsvize beschäftigt Identitären-Aktivisten

Auch das lässt sich an der misslungenen Protestaktion vor dem Justizministerium beobachten. Dort war auch Albert G. aus Mecklenburg-Vorpommern mit dabei. Er arbeitet im Wahlkreisbüro von Holger Arppe, dem Vizevorsitzenden der AfD-Landtagsfraktion. Dieser Job hält G. nicht davon ab, sich an Kampagnen der Identitären zu beteiligen. Er gehörte sogar zu den Gründungsmitgliedern des Rostocker Identitären-Vereins "Heimwärts e.V.", das belegen Auszüge aus dem Vereinsregister. Seinen Arbeitgeber Holger Arppe stört all das nicht.

Von ZEIT ONLINE auf die Teilnahme seines Mitarbeiters an Kampagnen der Identitären angesprochen, sagt der AfD-Fraktionsvize: Er begrüße es, dass sich Albert G. "für die Bewahrung unserer verfassungsmäßigen Grundrechte" einsetze. Schließlich sei die Meinungsfreiheit in Deutschland in Gefahr. Wenn "junge Menschen gegen diese unheilvolle Entwicklung in friedlicher und gewaltfreier Form aufbegehren", freue er sich. Natürlich werde er Albert G. auch weiter in seinem Wahlkreisbüro beschäftigen, kündigt Arppe an. G. leiste dort "Recherchearbeit zum Thema Linksextremismus". Den Unvereinbarkeitsbeschluss lässt er einfach unerwähnt.