Politik ist ein oft zynisches Spiel, zumal in Wahlkampfzeiten. Aber die ersten Reaktionen von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, des bayerischen CSU-Innenministers Joachim Hermann und anderer Unionspolitiker auf den verheerenden jüngsten Bombenschlag in der afghanischen Hauptstadt, bei dem nicht weit von der deutschen Botschaft mindestens 90 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden, lassen einem selbst als abgebrühtem Beobachter den Atem stocken.

Hält de Maizière wenigstens – wie es der menschliche Anstand gebieten würde – für eine Sekunde inne? Denkt er wenigstens kurz darüber nach, ob er seinen harten Kurs noch durchhalten kann, nämlich Flüchtlinge als Zeichen der Abschreckung selbst in dieses kriegszerrüttete, anschlagsgeplagte Land zurückzuschicken? Zeigt er wenigstens einen Funken Mitgefühl – mit den Afghanen und den Flüchtlingen von dort, die sich vor einer Zwangsrückkehr in ihre verlorene Heimat fürchten?

Weit gefehlt. Zwar beschloss die Bundesregierung, wegen des weltweiten Entsetzens über die neuerliche islamistische Terror-Großattacke mitten im eigentlich streng geschützten Diplomatenviertel der afghanischen Hauptstadt, vorerst keine Flüchtlinge mehr zwangsweise in das Land zurückzuschicken. Aber sie verhängte keinen endgültigen Abschiebestopp, wie es die Opposition und Flüchtlingsorganisationen schon lange fordern. Und das, obwohl ihre realitätswidrige Behauptung, in Afghanistan gebe es "sichere" Gebiete, schon vorher nachweisbar eine Lüge war.

De Mazière wird die Abschiebungen "baldmöglichst" wieder aufnehmen, sobald sich die kurzfristige Aufregung gelegt hat. Das hatte er schon vorher klar gemacht. Schließlich sind wir im Wahlkampf, und er möchte beweisen, dass ihn keiner an Härte übertrumpft.

Die islamistischen Terroristen wollten nicht zum ersten Mal gezielt die "Kreuzfahrernation" Deutschland treffen, da sie seit mehr als einem Jahrzehnt am "Krieg gegen den Terror" am Hindukusch beteiligt ist. Um zu zeigen, dass es in Afghanistan eben keine vor ihnen sicheren Gebiete gibt und sie jederzeit an jedem Ort zuschlagen können. Denn auch die Taliban wissen, dass in Deutschland Wahlkampf ist. Und dass die Angst vor dem Terror dabei eine wichtige Rolle spielt.

Merkels Willkommenskultur ist ferne Vergangenheit

Vor einiger Zeiten waren die Taliban wieder in Masar-i-Scharif einmarschiert. Dort bildet die Bundeswehr im Rahmen des Nato-Einsatzes einheimische Sicherheitskräfte aus, berät und unterstützt – ohne sonderlichen Erfolg, wie sich zeigte: Bei einem Selbstmord-Doppelanschlag in der Nähe der nordafghanischen Stadt starben zuletzt Mitte April mehr als 100 afghanische Soldaten. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich entsetzt.

Entsetzt sollte sie auch jetzt sein – über die inhumane Haltung der von ihr geführten Regierung. Sie und die Union wollen im Wahlkampf ihren Anhängern zeigen, dass die Willkommenskultur endgültig Vergangenheit ist und sie entschlossen gegen Flüchtlinge aus vermeintlich sicheren Herkunftsländern vorgehen. Selbst wenn gerade diese Menschen aus dem seit Jahrzehnten vom Krieg diverser Mächte zerstörten Afghanistan kommen, wo es die Bundeswehr seit den Zeiten von Rot-Grün gemeinsam mit der Nato und der Supermacht USA nicht geschafft hat, für Sicherheit zu sorgen.