Ich bin 1977 geboren, ich bin mit Helmut Kohl als Bundeskanzler aufgewachsen. Er hat mich begleitet, von der 1. bis zur 13. Klasse. Meine gesamte Jugend hindurch sah ich den groß gewachsenen Mann mit den grauen Haaren praktisch jeden Abend in der Tagesschau. Ich sah ihn mit François Mitterrand, mit Schimon Peres, mit Erich Honecker, mit Michail Gorbatschow, mit George Bush und mit Bill Clinton.

Er war mir vertraut – seine Vorliebe für Saumagen ebenso wie seine emotionale Berührbarkeit, sein Dialekt ebenso wie sein einzigartiger politischer Instinkt. Und er strahlte Sicherheit aus – auch in einer Zeit, als der Kalte Krieg noch nicht überwunden und Deutschland noch nicht wiedervereinigt war.

Mit diesem Eindruck von Politik bin ich aufgewachsen. Kohl war eine Konstante und man hatte nicht das Gefühl, dass jemand anderes kommen könnte, um ihn als Kanzler zu ersetzen.

Politischer Instinkt und Vertrauen

Prägend für meine Generation waren vor allem die Überwindung der deutsch-deutschen Teilung und der Fall des Eisernen Vorhangs. Als 1989 die Mauer fiel, war ich gerade 12 Jahre alt und mir war klar, dass hier etwas Bemerkenswertes passierte. Ich habe vor dem Fernseher gesessen und wie wild VHS-Kassetten bespielt. Denn ich dachte: Bevor es keiner tut, halte ich das für die Nachwelt fest!

Bis heute bewundere ich die staatsmännische Klugheit, mit der Helmut Kohl die einmalige historische Chance zur Wiedervereinigung Deutschlands ergriffen hat. Heute erscheinen die damaligen Ereignisse manchmal fast zwangsläufig, als hätte es keiner besonderen politischen Führung bedurft. Dabei wird übersehen, wie viele politische Entwicklungen oft ganz nah waren, die die Wiedervereinigung Deutschlands unmöglich gemacht hätten.

Am heißen Sommerabend des 21. August 1991 war ich auf einer Party – bei einer der ersten, bei denen getanzt wurde. Die Eltern der Gastgeberin saßen im Zimmer nebenan und taten so, als ob sie die Tagesschau guckten. Ich sah tatsächlich elektrisiert hin, denn sie vermeldete: Gorbatschow ist wieder da! Der sogenannte Moskauer Augustputsch, bei dem der Hardcoreflügel der KPdSU Gorbatschow gewaltsam auf der Krim festsetzte, um das Land unter seine Kontrolle zu bringen und Glasnost und Perestroika wieder rückgängig zu machen, war gescheitert.

Deutschland war gerade seit wenigen Monaten wiedervereint. Was wäre gewesen, wenn Kohl die Chance der Wiedervereinigung nicht so beherzt ergriffen hätte und wenn dieser Putsch erfolgreich gewesen wäre? Helmut Kohl hat damals den Kairos, den günstigen Augenblick, erkannt. Und er war dank seinem geschichtswissenschaftlich fundierten politischen Instinkt und dem Vertrauen, das er weltweit genoss, in der Lage, daraus auch etwas zu machen. 

Nicht zuletzt deshalb bin ich an meinem 14. Geburtstag 1991 in die Junge Union eingetreten.