Helmut Kohl war immer schon da. Als ich 1989 als junger Reporter in die damalige Bundeshauptstadt Bonn kam, thronte er schräg gegenüber in seinem an eine Sparkasse gemahnenden schwarz-kubistischen Kanzleramt, dahinter zum Rhein hin sein vordem schon von Helmut Schmidt bewohnter Bungalow, den man aber nur von außen zu Gesicht bekam. Mit dem Hausherren hatte man es als Hauptstadt-Reporter häufig zu tun: auf Pressekonferenzen, auf denen er vor allem uns jüngere Korrespondenten, aber auch altgediente Hasen gerne abkanzelte ("Stehen Sie erst mal auf! Ich kann Sie gar nicht sehen. Und reden Sie deutlich, ich habe Ihre Frage nicht verstanden."); beim Empfang von Staatsgästen, die er, wenn nötig, mit gütiger Pranke in Richtung Ehrenformation schob; auf CDU-Parteitagen, auf denen er nicht nur die Delegierten, sondern auch die Pressebeobachter mit seinen bramabasierenden Reden einschläferte. Und auf Staatsreisen, auf denen er uns "Lungerjournalisten" in seiner legendären Strickjacke im Bundeswehrflieger vor dem Essen schon mal spöttisch mit "Na, ihr Hummerleider" begrüßte.

Wie sollte man diesen massigen, bräsigen Pfälzer, der da schon sieben Jahre der wohlstandssatten westdeutschen Republik im beschaulichen Bundesdorf am Rhein vorstand, richtig ernst nehmen? Zumal wenn man mit Willy Brandt politisch aufgewachsen war und diesen knarzigen Kanzler der Entspannungspolitik und der Ostverträge, den Friedensstifter und glühenden Internationalisten, bewundert hatte? Und schon unter dessen SPD-Nachfolger Helmut Schmidt, dem Kanzler der kühlen Realpolitik, des Deutschen Herbstes und der Nachrüstung, gelitten hatte (und ihn erst später, im Rückblick, schätzen lernte)?

Kohl dagegen, diese Verkörperung des Biedersinns, diesen politischen Eichenschrank des Bürgertums mit seinem penetranten Gerede von der "geistig moralischen Wende", diesen ewigen Aussitzer, dieses Spottgebilde der Intellektuellen, Karikaturisten und Satiriker, verachtete meine Generation, wie auch ein erheblicher Teil der damals immer noch stark sozialliberal geprägten Bonner Journaille. Dann kamen der Spätsommer 1989 und die ersten Fluchtwellen aus der DDR, die Montagsdemonstrationen und der anschwellende friedliche Aufstand der Bürger im von Bonn aus so fernen anderen deutschen Staat. Und mit all dem die Anverwandlung von "Birne" in einen entschlossenen Staatslenker, der den von ihm so gerne zitierten Mantel der Geschichte ergriff und nicht mehr losließ, bis die Einheit Deutschlands vollendet war. Auch und vor allem dank seiner Tatkraft.

Plötzlich standen alle, die ihn eben noch belächelt hatten, mit offenem Mund da. Aus dem politischen Elefanten, der sich stur seinen Weg bahnte, immer sein dickes Notizbüchlein in der Hand, in dem er Freund und Feind penibel vermerkte, der stets sorgsam darauf achtete, sich erst ganz zum Schluss an die Spitze der Kolonne zu setzen, um nur ja keinen zu verprellen außer den bösen "Sozen", wurde über Nacht ein entschlossener Zupackender. Und Handelnder. Selbst bei kritischen Beobachtern wuchs Respekt.

Der Zweizentnermann, der eben noch aus der Zeit gefallen schien, war mit einmal auf der Höhe einer Zeitenwende, ja, er eilte ihr mit großen Schritten voran und gestaltete. Während der westdeutsche Mainstream, der von ihm verachtete "Zeitgeist", selbst nach dem Fall der Mauer skeptisch blieb und nicht an die Wiedervereinigung glauben wollte, wenn er sie überhaupt wollte, formulierte Kohl kühn seinen Zehn-Punkte-Plan. Zum großen Ärger der Verbündeten und zur Verwunderung selbst vieler in seiner Regierung, Partei und Koalition. Kohl, der bis dahin schon so viele politische Tiefs überlebt hatte und kurz zuvor einen Pseudoaufstand in der CDU, fochten aber keine Widerstände an, etwa der der britischen Premierministerin Margaret Thatcher.