Was war das für ein Gefühl, damals, 1998. Als man als rot-grüner Wähler ganz sicher sein konnte: Diesmal klappt es. Diesmal wird Helmut Kohl, der ewige Kanzler mit seiner ewigen Strickjacke, für viele der Inbegriff gesellschaftspolitischer Rückständigkeit, endlich abgewählt.

Und heute? Wieder ist Wahlkampf und wieder fordert ein Sozialdemokrat eine langjährige christdemokratische Regierungschefin heraus. Doch eine echte Wechselstimmung will, abgesehen von dem kurzen Schulz-Hype im Frühling, nicht aufkommen.

Das liege daran, dass die Menschen sich in zunehmend unsicheren Zeiten nach jemandem sehnten, der Ruhe und Stabilität ausstrahle, heißt es allenthalben. Und Merkel habe sich in den Augen vieler Deutscher nun mal als Krisenmanagerin bewährt. Auch die gute wirtschaftliche Lage wird dafür verantwortlich gemacht, dass der Versuch von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, einen Gerechtigkeitswahlkampf zu führen, einfach nicht zünden will.

Doch jenseits dieser gewichtigen Argumente gibt es noch einen dritten Grund, der dafür verantwortlich ist, dass die Lage der SPD derzeit so unersprießlich und wenig Erfolg versprechend ist. Er reicht tiefer, ist eher struktureller Natur und entfaltet deswegen eine langfristige Wirkung, die nicht auf einen Wahlkampf beschränkt ist.

Die Rede ist von dem gesellschaftspolitischen Modernisierungskurs, den Merkel ihrer Partei aufgezwungen hat, seit sie 2005 Kanzlerin wurde. Wenn je der Erfolg dieser Strategie zu besichtigen war, dann in diesem Wahlkampfjahr.

Schulz fehlt es nicht an Inhalten

Denn was Schulz wirklich fehlt, sind nicht Inhalte, wie oft behauptet wird, es ist eine Angriffsfläche. Als Schröder damals gegen Kohl zu Felde zog, da wussten seine Wähler genau, was sich alles ändern sollte, ändern musste: Ökologie sollte einen größeren Stellenwert bekommen, der Ausstieg aus der Atomenergie gehörte dazu. Das Familienbild der Kohl-Ära – Vater, Mutter, Kinder und die Mutter als Hausfrau – passte nicht mehr zur Lebenswirklichkeit vieler Deutscher, die zunehmend durch Patchworkfamilien und berufstätige Frauen dominiert wurde. Und immer mehr Deutsche hatten begriffen, dass das sture Festhalten an der Behauptung, Deutschland sei kein Zuwanderungsland eine Lebenslüge war, der man moderne Integrationsangebote entgegensetzen musste.

Für diesen politischen Wechsel standen damals SPD und Grüne. Die Unterschiede zwischen Schulz und Merkel sind dagegen eher gradueller Natur. Bestes Beispiel ist das von Schulz gleich zu Beginn seiner Kandidatur angekündigte Arbeitslosengeld Q. Im Endeffekt bedeutet das, dass eine bestimmte Gruppe von Arbeitslosen ein paar Monate länger als heute eine Qualifizierung besuchen kann, ohne deshalb auf Arbeitslosengeld I verzichten zu müssen. Und deswegen sollten die Wähler die krisenerprobte Merkel in die Wüste schicken? Eher nicht.

Natürlich, die SPD hat mehr im Angebot als das Arbeitslosengeld Q, ihr Renten- oder Steuerkonzept zum Beispiel. Doch was sich einfach nicht einstellen will, ist das Gefühl eines echten Aufbruchs. Kann es auch gar nicht. Denn die meisten Großthemen von damals hat Merkel längst abgeräumt. Auch die Union ist für die Integration von Migranten, sogar für ein Einwanderungsgesetz. Sie hat Kitas und Ganztagsschulen ausgebaut, den Mindestlohn mitgetragen und Frauenquoten in Aufsichtsräten zugestimmt. Sie hat nicht nur den Ausstieg aus der Atomenergie, sondern auch den aus der Braunkohle beschlossen, und ist für den Ausbau erneuerbarer Energien.