Dass Pressebank, Gästeränge und Plenum fast bis zum letzten Platz gefüllt sind, kommt im Bundestag äußerst selten vor – "zumal um diese Uhrzeit", stellt Norbert Lammert zufrieden fest, als er um Punkt acht Uhr die 224. und letzte Sitzung des Parlaments in dieser Legislaturperiode eröffnet. "Das hat sicher mit der Tagesordnung zu tun", sagt der Bundestagspräsident.

38 Minuten debattieren die Parlamentarier nach Lammerts Einführung noch, dann werfen sie ihre Stimmkarten in die Wahlurnen, um kurz nach neun Uhr steht fest: 393 Abgeordnete stimmen für die Ehe für alle, 226 dagegen. Erstaunlich, wie zügig "Geschichte geschrieben" werden kann, wie es viele Abgeordnete in ihren Reden ausdrückten. Doch die Art, wie diese 393 Ja-Stimmen zustande gekommen sind, wird im politischen Berlin noch einige Nachbetrachtung erfahren. Denn so zügig und geräuschlos, wie das Gesetz den Bundestag am Schluss passierte, war das nicht. Vieles lief gegen die Routinen und ungeschriebenen Regeln, die sich über die Jahre in den deutschen Parlamentarismus eingeschliffen haben.

Am Anfang stand ein Interview der Kanzlerin. Angela Merkel hatte dann zu Beginn der Woche die Entscheidung über eine Öffnung der Ehe für Homosexuelle zu einer Gewissensentscheidung erklärt und die Fraktionsdisziplin aufgehoben. Zuvor hatten die Grünen, wenig später auch FDP und SPD die Ehe für alle zur Koalitionsbedingung erhoben. Der Druck auf Merkel war also groß.

Union stimmt gegen die geänderte Tagesordnung

Zurück in den Bundestag: Auch wenn es formell keinen Zwang gibt, sich in Abstimmungen an seinen Kollegen zu orientieren, jeder Abgeordntete laut Verfassung nur seinem Gewissen verpflichtet ist, und es immer wieder Abweichler gibt – die Fraktionsdisziplin gilt als ungeschriebene Regel. Eine Regel, die jedoch immer wieder Ausnahmen kennt. So passiert es hin und wieder im Bundestag, zum Beispiel als das Parlament über die Sterbehilfe abstimmte oder darüber, ob man bei Embryos Gentests zulassen sollte, dass die Abstimmung ausdrücklich überparteilich erfolgt. Und üblicherweise ist ein Entschluss gegen den Fraktionszwang das Ende des Taktierens, der Hinterzimmer-Absprachen, der Rechen- und Farbenspiele und des Parteiengeschachers.

Im Fall der Ehe für alle war das hingegen der Auftakt. Die SPD, die immerhin pro forma noch bis Herbst mit der Union regiert, erzwang eine Abstimmung zum letzten möglichen Termin in dieser Legislaturperiode. Das ist vielleicht noch kein wirklicher Koalitionsbruch – dennoch werden sich viele Unionsabgeordnete genau daran erinnern, wenn im Herbst Koaltionsgespräche anstehen.

Doch für das kurzfristige Gesetz muss am Freitagmorgen noch schnell die Tagesordnung der Sitzung geändert werden. Das geschieht, wie sich das für ein Parlament gehört: demokratisch, per Handzeichen der Mehrheit. Und die Union, obwohl sie weiß, dass sie das Gesetz gegen die Mehrheit von SPD, Grünen, Linkspartei und einigen liberalen Abgeordneten in den eigenen Reihen nicht mehr aufhalten kann, stimmt geschlossen dagegen, die Ehe für alle zur Debatte im Parlament zuzulassen. Auch wenn am Ende 75 Abgeordnete aus der Unionsfraktion gemeinsam mit der rot-rot-grünen Mehrheit dem Gesetz zustimmen. Auch das ist beachtlich: Beobachter waren davon ausgegangen, dass höchstens etwa 20 Stimmen aus der Union kommen würden.