Grüne sind leidensfähige Menschen. Die leidensfähigsten von allen stellen sich zu Katrin Göring-Eckardt auf die Parteitagsbühne. Zwei Dutzend Neumitglieder stehen hinter ihrer Spitzenkandidatin, als die ihre Rede hält. Das bringt schöne Fernsehbilder, ist aber auf Dauer etwas ermüdend. Und so passen die Gesichter der Neulinge auch nicht so recht zu der fröhlichen Aufbruchstimmung, die Göring-Eckardt zu verbreiten versucht. Etwa, wenn sie die Delegierten beschönigend an die in Wahrheit ziemlich miese Lage ihrer Partei erinnert: "Wir waren immer am besten, wenn es Gegenwind gab. Und den gibt es gerade."

Auf ihrem dreitägigen Parteitag in Berlin haben die Grünen sich an einem Spagat versucht. Einerseits wollten sie nicht so tun, als ginge es ihnen blendend. Mehrere Umfragen sehen sie derzeit bei nur 6,5 Prozent – nur halb so viel wie noch Ende vergangenen Jahres. Andererseits wissen sie, dass sie drei Monate vor der Bundestagswahl einig wirken müssen, um ihre Krise nicht noch zu vergrößern. Offene Konflikte zwischen den Realo-Spitzenkandidaten einerseits und der Parteilinken andererseits wollten sie deshalb vermeiden. Das hat in den meisten Fällen geklappt.

Mit Göring-Eckardt und Cem Özdemir gehen die Grünen mit zwei Befürwortern einer schwarz-grünen Koalition oder eines schwarz-gelb-grünen Jamaika-Bündnisses in den Wahlkampf. Die Partei hingegen ist in dieser Frage tief gespalten, die meisten Mitglieder wünschen sich eine Wiederkehr von Rot-Grün, manche auch Rot-Rot-Grün. Doch eine Mehrheit für das Lieblingsbündnis, egal ob mit oder ohne Linke, scheint ausgeschlossen zu sein.

Die Grünen - Hofreiter nennt Trumps Klimapolitik ein Verbrechen Klimaschutz ist das dominierende Thema beim Grünen-Parteitag in Berlin. Fraktionschef Anton Hofreiter verurteilte die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, aus dem Pariser Klimaabkommen auszutreten. © Foto: Rainer Jensen/dpa

So prägte ein Paradox den Parteitag: Delegierte, die ein Jamaika-Bündnis nicht wollen, jubelten pflichtschuldig Spitzenkandidaten zu, die das nicht ausschließen. Diese wiederum taten in ihren Reden so, als verschwendeten sie keinen Gedanken an irgendwelche Regierungsbündnisse. Bei Göring-Eckardt klang das so: Sie kritisierte Martin Schulz als "Vertreter der alten Kohle-SPD". Angela Merkel (CDU), Sahra Wagenknecht (Linke) und Christian Lindner (FDP) schalt sie als "Klimaamateure". Jeder mögliche Koalitionär erntete gleichermaßen Kritik.

Die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke in Deutschland, forderte Göring-Eckardt, sollten sofort vom Netz gehen. Bis zum Jahr 2030 müsse das Land ganz aus der Kohleenergie ausssteigen. Damit haben die Führung und Fachpolitiker einen Kompromiss durchgesetzt. Denn noch im November forderte die Basis einen Ausstieg bereits 2025.

Um sich von der CSU abzugrenzen, rief die protestantische Christin in Richtung Horst Seehofer: "Ich habe das mit dem Christentum bisher so verstanden, dass Nächstenliebe keine Obergrenze hat." Abschiebungen ins kriegsgeplagte Afghanistan müssten nicht bloß ausgesetzt werden, sondern ganz gestoppt werden. Das Einwanderungsland Deutschland brauche endlich, trotz des Widerstands von Union und SPD, ein Einwanderungsgesetz. Solche Worte sollten die Parteilinke besänftigen.

Aufputschen hingegen wollte Cem Özdemir die Delegierten. Für ihn geht es bei der Bundestagswahl am 24. September um alles. Denn er weiß, er ist ein Spitzenkandidat auf Bewährung. Bei der Kandidatenkür erhielt er nur 75 Stimmen mehr als der Schleswig-Holsteiner Robert Habeck – und das bei einer Wahlbeteiligung von 34.000 Mitgliedern. Im Herbst wird Özdemir nicht erneut als Parteivorsitzender kandidieren. Entweder reicht es also nach der Wahl zur Regierungsbeteiligung, oder seine politische Karriere endet. Und so schwitzte, schrie und bangte sich der 51-Jährige am Freitagabend durch eine einstündige, emotionale Rede.

Renate Künast - Warum mögen die Wähler die Grünen nicht mehr? "Die Wähler wollen uns kämpfen sehen", sagt Renate Künast. Die Partei müsse wieder radikaler werden, um bei der Bundestagswahl eine Chance zu haben. © Foto: Ute Brandenburger