Ein europäischer Staatsmann und Vollblutpolitiker ist tot: Helmut Kohl, der einstige Stürmer und Dränger aus der Pfalz, der als Reformer ausgezogen war, als "Kanzler der Einheit" in die Geschichtsbücher einging und danach im Groll mit seiner Partei lebte, ist am Freitag in Ludwigshafen gestorben.

In Kohls Amtszeit fielen nicht nur die Auflösung der Berliner Mauer, der DDR und der Sowjetunion, sondern auch die Vorbereitung der Europäischen Währungsunion. Als dieses Mammutprojekt in die erste schwere Krise kam, hatte der Altkanzler keinen Einfluss mehr auf den Lauf der Politik. Die Jahre 1989 und 1990 waren die beiden politisch turbulentesten Jahre in der an Höhen und Tiefen reichen Laufbahn des 1930 geborenen Pfälzers. Der Spannungsbogen in dieser relativ kurzen Zeit reichte vom Machtkampf in den eigenen Reihen (Putschversuch in der CDU gegen Kohl) über die nervöse Stimmung in der DDR (Montagsdemonstrationen) bis hin zur plötzlichen Öffnung des Eisernen Vorhangs, dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung. Das Jahr 1990 endete mit dem klaren Wahlsieg Kohls bei der ersten gesamtdeutschen Wahl. So viel Geschichte, in so kurzer Zeit, und ohne Gewalt – eine Zeit der Ausnahmen.

Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, hielt sich Helmut Kohl in Polen auf. Es war die Woche, in der er als erster deutscher Kanzler Auschwitz besuchen wollte. Was er dann auch tat. Davor aber unterbrach Kohl den Besuch in Polen, um für 24 Stunden nach Deutschland zurückzukehren. Nun waren politische Präsenz und Führung gefragt, das richtige Symbol zur richtigen Zeit. Kohl wusste, dass dies eine Stunde der Bewährung war, im Inneren und nach außen. Eine historische Chance und eine persönliche Herausforderung. Er hat sie bestanden.

Der "schwarze Riese"

Seinen Platz in den deutschen Geschichtsbüchern – ein Thema, das ihm stets wichtig war – werden auch kritische Erinnerungen nicht schmälern. Unter den europäischen Staatenlenkern war Kohl der Regierungschef, der das politische und ökonomische Friedens- und Kooperationsprojekts Europa mit leidenschaftlichem Einsatz mehrmals in Bewegung hielt, als es zu stocken drohte. Und als dienstältester Bundeskanzler der Republik, der das Land 16 Jahre lang als Regierungschef geprägt hat, sorgte er in der nervösen Umbruchphase 1989/90 dafür, dass Deutschland in dieser Zeit des Wiederaufstiegs zur kontinentalen Führungsmacht weder Misstrauen noch Angst auslöste. Die Zweifel an Berlins Europapolitik kamen erst später auf, im neuen Jahrhundert, nach Kohl und sehr zu dessen Kummer.

Der "schwarze Riese", so hatte die CDU ihn 1976 in seiner ersten Kampagne als Kanzlerkandidat genannt. Eine Marke, ein Branding, buchstäblich auf den Leib geschnitten. Es gefiel ihm und es stimmte auch. Helmut Kohl war nicht nur ein international denkender deutscher Regierungschef, der die Sorgen der Kollegen kannte, bedachte und berücksichtigte. Er war außerdem durch und durch Innenpolitiker und Machtmensch. Wenn es ihm darauf ankam, agierte er in Konfliktsituationen wie eine Dampframme: gesenkter Kopf, volles Tempo, vorwärts mit aller Wucht gegen und durch die Wand. Das hat er früh geübt, oft mit Erfolg. Schon als Knabe, so wird von ihm überliefert, sei Kohls Helmut auf dem Schulhof für jede Rauferei zu haben gewesen, vor allem, wenn es zur Feststellung der Hack- und Rangordnung notwendig war. "Von allen Zügen, die vom jungen Kohl überliefert werden", berichtet der Historiker Hans-Peter Schwarz in seiner Kohl-Biografie aus der grauen Vorzeit, "ist dieser wohl der wichtigste: sein Talent, sich laut, ungeniert, häufig auch durch Prügeleien, zum Anführer einer Clique zu machen, die ihm folgt." (Schwarz' Tod am vergangenen Mittwoch im Alter von 83 Jahren wurde zusammen mit dem Tod Kohls bekannt.)

Später, in der Welt der Erwachsenen, hatte die Sicherung der eigenen Position und die seiner Partei auf Kohls Prioritätenliste stets einen Spitzenplatz, in besonderen Situationen auch in unübersichtlichen Grauzonen abseits der Rechtsordnung. In Bonn sprach man schließlich vom "System Kohl" in der CDU. Daraus entstand die Parteispendenaffäre, die der Union großen finanziellen Schaden zufügte und einen Schatten auf die Jahre Kohls nach der Wahlniederlage von 1998 warf. Sein Ansehen und sein Einfluss in der deutschen Öffentlichkeit wurden dadurch reduziert. Dass Angela Merkel, damals noch Generalsekretärin der CDU, im Dezember 1999 in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Kohl aufforderte, sich der Partei zuliebe aus der Politik zurückzuziehen, hat der Altkanzler ihr nie verziehen.

Wer Helmut Kohls politischen Weg von den Mainzer Anfängen über die Bonner Oppositionsjahre bis ins Kanzleramt am Rhein beobachtet hat, ob als Mitarbeiter und Gefährte, ob als wissenschaftlicher oder journalistischer Wegbegleiter, konnte beispielhaft erleben, wie das politische Geschäft die verantwortlichen Gestalter der Wirklichkeit im Lauf der Geschichte prägt und verändert. Das Wechselspiel von Politik und Politiker, von objektiven Prozessen und subjektiven Aktivitäten, lässt sich gerade am Beispiel dieses menschlichen Kraftwerks eindrucksvoll studieren. Vom Pimpf, der irgendwie unversehrt durch die Nazizeit gekommen war, bis hin zum Politiker, der im Moment des großen europäischen Umbruchs keinen Fehler machen durfte – es war ein Leben, geprägt von persönlichen und historischen Herausforderungen. Der Kraftaufwand und das Ungestüme, sein Markenzeichen, waren zwar nicht immer die besten Voraussetzungen für die Bewältigung heikler Konstellationen. Aber sie erwiesen sich bei seinem Kernprojekt, der Gestaltung Europas, gelegentlich als hilfreich.

Helmut Kohl war Realist

Im eigenen Land und in den komplizierten Streitfragen des sozialen Innenlebens mag Helmut Kohl zaudernd und zögerlich gewesen sein. Stets war er auf den Frieden in der Partei bedacht – und auf den Zusammenhalt der oft komplizierten Koalition mit der FDP des Taktikers Hans-Dietrich Genscher und der CSU seines ständigen Konkurrenten Franz Josef Strauß. Groß war daher sein Interesse an den internen Analysen der Meinungsforscher über die Meinungstrends in der Gesellschaft. Da unterschied Kohl sich nicht von seiner späteren Nachfolgerin Merkel, im Gegenteil. Doch was Europa anging, entwickelte der CDU-Kanzler mehr Fantasie als seine beiden Nachfolger. Auf internationalem Gelände war er kompromissfähiger als in den zähen innenpolitischen Streitthemen.

Auch war er hier eher bereit zu größeren Wagnissen, wie sein Engagement für das Experiment Währungsunion zeigte. Von der Richtigkeit dieser Entscheidung, die er gegen alle ökonomischen Einwände mit politischen Argumenten durchgepaukt hatte, war er bis zuletzt überzeugt. Die Währungsunion war in der Ära Kohl beides: Chefsache und Glaubensfrage – ein europäisches Existenzthema.

Kritiker fielen bei Kohl schnell in Ungnade

Kohls bleibendes Verdienst bleibt seine Einsicht, dass die deutsche Vereinigung und die weitere Entwicklung Europas zusammengehören. Und dass er danach handelte, getreu seiner Maxime: Die deutsche und die europäische Einheit seien zwei Seiten einer Medaille. Dass der zunächst weithin beargwöhnte deutsche Einigungsprozess schließlich weltweit akzeptiert wurde, vor allem von den Nachbarstaaten, war das Ergebnis des beharrlichen Werbens von Kohl um Verständnis und Vertrauen. Vor allem das Werben um die damals noch existierende Sowjetunion und um deren Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, den Mann, den Kohl ein paar Jahre zuvor noch leichtfertig als sowjetischen Propagandisten abgetan hatte.

Kohl selbst ließ in seinen Erinnerungen keinen Zweifel daran, dass auch er selbst die deutsche Vereinigung als seine große historische Leistung betrachtete. Mit Kritik an Fehlentscheidungen – oder am Fehlen von Entscheidungen – konnte er generell nicht gut umgehen. Autoren, ob Journalisten oder Historiker, die auch kritische Aspekte der Vereinigungspolitik anführten, fielen bei ihm schnell in Ungnade.

Das mit Abstand beste Buch über Kohl hat der schon zitierte Historiker Hans-Peter Schwarz geschrieben (DVA, 2012). Diese Biografie ist vor allem ehrlicher und nüchterner, als es die mehrbändigen Erinnerungen Kohls sind. Unter anderem verdanken wir Schwarz eine sehr persönliche, nachdenkliche Beschreibung der Kohl'schen Neigung zu Symbolen und symbolträchtigen Inszenierungen. Zu finden ist das gleich zu Beginn, im Prolog (Der Riese). Es geht um den Großen Zapfenstreich zur Verabschiedung des scheidenden Kanzlers Kohl am 17. Oktober 1998 auf dem Domplatz zu Speyer. Selten ist ein Großer der Geschichte so freundlich und zugleich ehrlich, so milde und zugleich präzise porträtiert worden. Beim Lesen hat man die pompöse Szenerie vor Augen, dieses vom flackernden Schein der Fackeln illuminierte große Zeremoniell. Man fühlt das Bedeutsame, das den Kanzler an Speyer bindet. Und man begreift auch die Tragweite der Fragen, die der Autor an seine Beschreibung dieses herbstlichen Abschieds knüpft:

"Ob dem geschichtsbewussten Riesen in dieser Stunde wohl die Ambivalenz des Ortes dunkel in den Sinn kommt, an der er sich feierlich verabschiedet? Der Speyerer Kaiserdom ist ein Denkmal der Größe, aber auch eine Grabstätte, hochgetürmte Geste des Ruhmes, aber auch der Vergänglichkeit. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – längst vergangen, die Kaisergräber – seit Langem entweiht. (…) Weiß der Riese um die Relativität aller politischen Leistung? Akzeptiert er sie? Fürchtet er sie? Oder genießt er nur ganz einfach das Empfinden, Großes gewollt und erreicht zu haben, was immer auch daraus werden mag? Die Deutschen in der DDR befreit, Deutschland wider aller Erwartung nochmals staatlich vereinigt, die Versöhnung mit den Gegnern im Kalten Krieg geglückt, die Entwicklung hin zu Europa 'unumkehrbar' gemacht (…) Aber ist und bleibt die deutsche Geschichte periodisch nicht doch auch eine Katastrophengeschichte? Und darf man im unaufhaltsamen Geschichtsprozess so etwas erwarten wie 'Unumkehrbarkeit'?"

Kohl und Brandt, die beiden großen Kanzler der deutschen Nachkriegsgeschichte

Helmut Kohl, auch da, wo er visionär gefühlt und gedacht hat, war Realist. Er mag seine eigenen Möglichkeiten überschätzt haben. Aber er wusste, dass Politik von Menschenhand stammt und daher nicht notwendig von Dauer ist. Das scheint er ähnlich empfunden zu haben wie Willy Brandt, für den er ohnehin eine undefinierte, aber spürbare menschliche Sympathie hegte. Also mag ihm auch bewusst gewesen sein, dass sein Werk Europa inzwischen in eine Gefahrenzone erster Ordnung geglitten war. Nie hätte er aber eingeräumt, dass "seine" Währungsunion dafür ein Grund sein könnte. 

Kohl und Brandt, die beiden großen Kanzler der deutschen Nachkriegsgeschichte: Es gäbe noch andere Analogien. Wie der Lübecker war auch der Junge aus Ludwigshafen noch als Schüler in die Politik gegangen. Die Politik war ihre größte Leidenschaft, ihr hatten sie sich verschrieben. Diese Priorität hat Helmut Kohl nie verändert. Der private Bereich, das Familienlieben, spielte eine untergeordnete Rolle. Seine erste Frau, Hannelore Kohl, hatte auf den jungen Reformpolitiker zunächst – das pflegte er selbst gelegentlich zu erzählen – durchaus ein wenig Einfluss, etwa auf seine Ansichten in der Schulpolitik. Doch Hannelore Kohl musste sich, wie auch ihre beiden Söhne, damit abfinden, dass der Berufspolitiker Kohl seine Erfüllung außerhalb der Familie suchte. Dass sie zuletzt an einer schweren Krankheit litt, ist der Öffentlichkeit erst spät bekannt geworden; 2001 nahm sie sich das Leben. Der Altkanzler, zu der Zeit infolge seiner Parteispendenaffäre bereits aus der Politik geschieden und mit der Partei überworfen, zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück.

Den Kontakt mit den wenigen Menschen, die ihm in den Berufsjahren nahegekommen waren, reduzierte er auf ein Minimum oder brach sie völlig ab. Ab 2005 lebte er mit seiner früheren Mitarbeiterin, Maike Richter, zusammen. 2008 heirateten sie. Bei einem Unfall im eigenen Haus, einem Sturz auf einer Treppe, zog Helmut Kohl sich schwerste Kopfverletzungen zu, deren Folgen ihn deutlich behinderten. Öffentliche Auftritte waren danach die Ausnahme. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.