Wenn Katja Kipping könnte, wie sie wollte, würde sie die Rentenpolitiker und Finanzlobbyisten Deutschlands in ein Dresdner Wohnzimmer schleifen. Um ihnen die 63-jährige Frau zu zeigen, die jeden Morgen um fünf Uhr zu ihrem Job als Pflegerin aufbricht, trotz schmerzender Knie. Die davon träumt, früher in Rente gehen zu können, aber mit Taschenrechner und Aktenordnern feststellte, dass sie sich das nicht leisten kann. Die Lobbyisten und Politiker sollten sich anhören, "was ihre Politik mit dem Leben derer macht, über die sie so gern reden".

Mit dieser Geschichte illustriert die Linken-Bundesvorsitzende, wofür ihre Partei im Bundestagswahljahr kämpfen möchte: eine Millionärssteuer gegen Armut. Sie will Reichtum umverteilen, Familien, Mittelschicht und Niedrigverdiener entlasten, Hartz-IV-Sanktionen abschaffen.

Zu Beginn ihrer Auftaktrede zum Parteitag in Hannover feiert Kipping zunächst die Aufholjagd der Labour-Partei von Jeremy Corbyn bei der britischen Parlamentswahl. "Mit Corbyn kann man punkten", ruft Kipping. Und schlussfolgert: Weil die deutsche Sozialdemokratie keinen Corbyn im Angebot hat, könne man ja die Linke wählen.  

Auch wenn Corbyn aller Voraussicht nach in Großbritannien jetzt nicht mitregieren wird, die deutsche Linke zieht Kraft aus dieser Entwicklung. Auch Kipping persönlich – in ihrer Partei gehört sie zu den Proeuropäern, die den erstarkenden Nationalismus ebenso ablehnen wie die Politik der EU. Die stehe für "mehr Abschottung, mehr Sozialabbau und mehr Austerität" – Kipping meint die Sparpolitik im überschuldeten Griechenland oder die Grenzzäune gegen Flüchtlinge.

Sie plädiert stattdessen für eine europäische Mindestsicherung, die sich an regionalen Armutsgrenzen orientieren soll. Sie wirbt für den ökonomischen Ausgleich von Handelsüberschüssen, finanzielle Unterstützung von Ländern, die viele Flüchtlinge aufnehmen "mittels einer Fluchtumlage". Statt des Kampfes gegen globalisierten Terror verlangt sie "einen anderen Weg": Den Verzicht auf Militäreinsätze und Rüstungsexporte. Wie das kurzfristig Wirkung zeigen soll, lässt Kipping offen.

Schon die USA sind als Weltpolizist gescheitert

Deutlich macht Kipping aber auch, was sie nicht will, und verknüpft dies mit einer taktischen Abgrenzung von SPD und Grünen. Die müssten sich fragen lassen, ob sie "zusammen mit der CDU die EU zu einer Militärmacht ausbauen" wollten. Oder ob sie wollten, "dass Europa das Modell Weltpolizist kopiert". Daran seien schon die USA gescheitert.

Die Kernthemen ihrer Rede – Armutsvermeidung, Europa und Frieden – ergänzte Kipping mit ihren Vorstellungen zur Familienpolitik: "Viele Frauen möchten aktive Elternschaft und beruflichen Erfolg als Selbstverständlichkeit vereinbaren", sagte Kipping, selbst Mutter einer kleinen Tochter. Der alleinernährende Vater sei ein Auslaufmodell. Eltern sollten besonders den ersten Lebensabschnitt ihrer Kinder zusammen genießen können.

Regieren oder Opposition?

Das Thema Privatisierung von Autobahnen – ein klassischer Aufreger für viele Delegierte in Hannover – klammerte Kipping aus. Besonders Parteilinke um Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht kritisieren das jüngst im Bundesrat gebilligte Gesetzespaket scharf. Kipping hält das Thema für weniger bedeutsam.    

Auf ihrem dreitätigen Parteitag will die Linkspartei den Entwurf ihres Programms für die Bundestagswahl diskutieren und beschließen. Das meiste Konfliktpotenzial steckt in der Frage, wie sich die Partei zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr stellt, zur Nato, zu Europa und der EU und zur Asylpolitik. Hinzu kommt die Grundsatzfrage, ob die Linke auf Bundesebene Regierungsverantwortung anstreben oder sich als reine Oppositionspartei profilieren sollte.

In der Debatte im Anschluss an Kippings Rede warben vor allem Redner westdeutscher Landesverbände und Parteilinke für den Oppositionskurs. "Stellen wir uns auf einen klaren Oppositionswahlkampf ein, nur um den Demagogen von der AfD nicht die Gelegenheit zu geben, sich als Opposition darzustellen", sagte etwa Ellen Brombacher von der Kommunistischen Plattform, einer linken Strömung der Partei. Die Linken-Bundesvorsitzende Kipping und ihr Co-Vorsitzender Bernd Riexinger präferieren dagegen einen Kurs der Abgrenzung, der zugleich den Bau politischer Brücken zu SPD und Grünen einschließt. Diese Grundsatzfrage wird die Diskussion in Hannover maßgeblich bestimmen.