Man kann den Linken nicht nachsagen, dass sie es sich leicht machen. Hier sind viele mit dem Herzen dabei. Auf dem Parteitag in Hannover tragen Delegierte #FreeDeniz-Shirts oder Picassos Friedenstaube auf der Brust. Beim Pausenspaziergang im Eilenrieder Park spricht einer in entrüstetem Ton über die jüngsten "Angriffe der Polizei auf Antifaschisten". In den Ortsverbänden und Arbeitskreisen diskutieren die Mitglieder ihre Politik ohne Blick auf die Uhr, sie wägen in den Vorlagen der Parteiführung jedes Wort, in der Tagungshalle streiten sie bis gegen Mitternacht um Wortgruppen und Halbsätze. Für den Parteitag waren mehr als 1.200 Änderungsanträge eingegangen, dem Parteivorstand war es gelungen, sie in einer Nachtsitzung auf 300 einzudampfen.

Nur, wozu das Ganze? Die Linke sieht sich als die Partei der Völker- und Menschenrechte, des Friedens. Sie sagt ja zu Europa und will die EU reformieren – friedlich, sozial, solidarisch. Große Worte, die niemanden konkret binden. Sie will – schon konkreter – eine Vermögensteuer, die Renten erhöhen, eine Mindestsicherung für alle, sie will Gutverdiener und Millionäre sehr viel stärker am Gemeinwesen beteiligen. All das haben die Delegierten des Parteitags beschlossen, es gehört zum Wahlprogramm der Linken für die Bundestagswahl im September.  

Linken-Chef Bernd Riexinger schwebt für seine Partei eine Art Bewegung vor. Eine Bewegung all der jungen Leute, die sich in ihrer Abneigung gegen Donald Trump politisiert haben, die eine Abschottung Europas ablehnen und die in diesen Monaten zu Hunderten in die Partei eintreten – fast 60 Prozent der 2.968 Neumitglieder von 2017 sind unter 35. Der Ex-Gewerkschafter will diesen Schwung nutzen, er will die Jungen Netzkampagnen starten lassen, wie sie dem britischen Linken Corbyn zum Erfolg verhalfen, sie sollen den Staub von der Linken abschütteln.

Im Wahljahr mag das noch funktionieren, doch was danach? Der Nachwuchs wird sich nicht mit Riexingers Reden zu Tariflohn und Weihnachtsgeld bei der Stange halten lassen. Weil das Jungvolk vielleicht doch lieber erst gegen Mittag mit dem Laptop unterm Arm zum Co-Working-Space schlendert, statt frühmorgens an der Stechuhr einzuchecken. Die Erwerbswelt wandelt sich. Immerhin, die Linke will die 30-Stunden-Woche – damit sich die wenige Arbeit künftig auf mehr Menschen aufteilt. Ein Anfang, doch der Widerspruch ist unübersehbar.

Auch in anderen Themen zeigen sich innere Brüche und die Realitätsferne der Partei. Ein Antrag, im Kampf gegen hohe Mieten auch Enteignungen möglich zu machen, wurde diskutiert, dann zum Glück abgelehnt. Geheimdienste will sie abschaffen. Im Wahlprogramm beschlossen wurde am späten Abend auch, die Verträge zwischen Staat und Kirchen zu kündigen, in denen die theologische Ausbildung und die Seelsorge in Krankenhäusern und bei der Bundeswehr geregelt sind – ähnliches diskutierte auf ihrem Programmparteitag im Mai die AfD. Am Morgen danach war die Vernunft zurückgekehrt: Der Parteitag kippte seinen eigenen Beschluss wieder.