Die vergangenen Landtagswahlen haben es wieder gezeigt: Der Wähler ist ein schwer auszurechnendes Wesen. Vor der Saarland-Wahl lobte der heutige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz die Qualitäten des Spitzenkandidaten und Ex-Sozialdemokraten Oskar Lafontaine – beide Parteien büßten am Wahltag Stimmen ein. Wenig später schloss die Landes-SPD vor der NRW-Wahl eine Koalition mit der Linken aus – und stürzte ab, auf einen dramatischen Tiefstand. Weder Annäherung noch Abgrenzung funktionieren.

Die Linke ist in einem Dilemma, denn eine Machtoption auf Bundesebene hat sie nur mit der SPD und den Grünen. Auch wenn die Umfragewerte vor allem der SPD derzeit dagegen sprechen, bleibt ein mögliches Linksbündnis im Wahlkampf im Gespräch. Hier gibt es die größten politischen Schnittmengen. Das beeinflusst auch die Taktik: Die SPD ist für die Linke politisch kein harter Gegner wie die CDU oder die FDP. Viele SPD-Linke könnten sich auch in der Linken wohlfühlen, Realpolitiker der Linken in der SPD.

Folglich wird die Linke die SPD nicht als Ganzes angreifen, nicht infrage stellen. Der geplante Wahlkampf soll sich vielmehr daran ausrichten, interne Widersprüche der SPD offenzulegen und sie behutsam vor sich herzutreiben: Als SPD-Kanzlerkandidat Schulz diese Woche sich auf ein Rentenniveau von mindestens 48 Prozent festlegte, schrieb Linken-Bundeschef Riexinger, Schulz dürfe nicht nur ein weiteres Absinken verhindern, sondern müsse das Rentenniveau auch wieder erhöhen. Bei aller Kritik ist man sich hier sehr nahe.

Einen Kanzler Schulz gibt es nur mit einer starken Linken

Für den in Hannover jetzt stattfindenden Parteitag gibt es auch den Antrag, einen reinen Oppositionswahlkampf zu machen, also jegliche Regierungsbeteiligung auf Bundesebene auszuschließen. Das Ansinnen wird aber ohne Chance bleiben. Die realpolitisch ausgerichtete Parteispitze lehnt einen Wahlkampf für oder gegen konkrete Bündnisse strikt ab. Sie will vielmehr die Kreativität der Wähler wecken, ihnen aufzeigen, was alles ohne die Regierung unter Kanzlerin Merkel machbar wäre. Der Linken-Politiker Jan Korte hat in einem Gastkommentar für ZEIT ONLINE dargelegt, was Strategen der drei Parteien schon länger im Verborgenen an Gemeinsamkeiten ausloten: die Bürgerversicherung einführen, Leiharbeit zurückdrängen, in Kitas investieren, Vermögensungerechtigkeit beseitigen und vieles mehr.

Kommunizieren will die Linke das im Wahlkampf in zwei Richtungen: Hin zur SPD-Führung und zugleich zu den Wählern von SPD und Linken. Den Wählern will sie klarmachen, mit welcher politischen Konstellation Merkel wirksam zu entmachten wäre. Zugleich will sie der SPD-Führung im Wahlkampf vorhalten, wo die Schnittmengen liegen und was gemeinsam umsetzbar wäre. Der SPD Angebote zu machen, gehört ebenso zur Strategie wie Brücken zu bauen, ohne sich anzudienen. SPD und Grüne will man an die Verantwortung erinnern, die sie für den angestrebten Regierungswechsel haben. Die Wahlkampfstrategen der Linken wissen: Nur mit einer starken Linken hat Schulz die Chance, Kanzler zu werden. Scharf werden sie deshalb beobachten, welche Signale die SPD von ihrem nahenden Parteitag sendet.

Läuft es gut für die Linke, kann sie nicht nur Wähler für sich selbst gewinnen, sondern zur Bundestagswahl auch die Anhänger der Sozialdemokratie überzeugen, die SPD zu wählen, statt aus Furcht vor einem Linksbündnis anderswohin abzuwandern. Doch zuletzt lief es schlecht: SPD-Chef Martin Schulz lobte in einem Interview FDP-Chef Christian Lindner und kündigte ein Treffen mit ihm an. Die Linke interpretiert Schulz' "sozialliberalen Flirt" als mangelnde Bereitschaft zu sozialer Politik und kritisiert seine programmatische Unschärfe. Auch den Grünen wirft die Linke Profillosigkeit und Opportunismus vor – als Beleg dient unter anderem die grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg.

Auf dem Parteitag in Hannover soll alles vermieden werden, was im Wahlkampf irritieren könnte, mögliche politische Partner also verschrecken kann. Sichtbar werden soll, was die Linke will, nicht, was sie ablehnt. Die Parteispitze wird dafür werben, die Haltung zu den Einsätzen der Bundeswehr im Ausland unangetastet zu lassen: Abgelehnt werden "Kampfeinsätze" – humanitäre oder Ausbildungsmissionen bleiben zulässig, was Kompromisse möglich macht. Statt "offene Grenzen für alle" heißt es jetzt, die Grenzen der EU müssten "für schutzsuchende Menschen offen sein". Wirtschaftsflüchtlinge lassen sich auf diese Weise draußen halten.