Es gab einmal eine Zeit, da plakatierten die Grünen vor einer Bundestagswahl: "Alle reden von der Einheit. Wir reden vom Wetter." Das war 1990. Die (West-)Grünen flogen daraufhin aus dem Bundestag. 1998 forderte die Partei im Wahlkampf, dass der Liter Benzin fünf Mark kosten solle. Joschka Fischer tobte. Die Grünen schafften es nur knapp in die Koalition mit der SPD. 2013 wiederholte es sich ähnlich: Diesmal propagierten sie den Veggie-Day. Die Wähler fanden es wieder nicht lustig. Das Ergebnis war entsprechend. 

Gelernt aber haben die Grünen aus alldem offensichtlich: Nichts. Die Welt muss sich mit Donald Trump auseinandersetzen; islamistische Terroristen versetzen die Menschen überall in Angst; das Pariser Klimaabkommen wackelt; an der Grenze Europas herrscht in Syrien ein entsetzlicher Krieg, vor dem Millionen Menschen fliehen; die EU steckt in einer tiefen Krise; die Bürger fürchten sich vor der Globalisierung und laufen Fremdenfeinden und Nationalisten nach. Doch was machen die Grünen? Sie erklären allen Ernstes die Homoehe zur unverzichtbaren Voraussetzung für eine Koalition mit ihnen. Haben die keine anderen Sorgen?

Sie sollten andere haben. Denn wie schon 1990 taumeln sie dem parlamentarischen Aus entgegen. Keiner möchte im Moment darauf wetten, dass die Grünen auch dem nächsten Bundestag angehören werden. Geschweige denn, dass sie für irgendeine Koalition gefragt sein werden. Wie denn auch, in dieser Verfassung, mit solchen Botschaften und diesem Führungspersonal?

Renate Künast - Warum mögen die Wähler die Grünen nicht mehr? "Die Wähler wollen uns kämpfen sehen", sagt Renate Künast. Die Partei müsse wieder radikaler werden, um bei der Bundestagswahl eine Chance zu haben. © Foto: Ute Brandenburger

Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, die beiden Spitzenkandidaten, bemühten sich auf dem Parteitag an diesem Wochenende, den Mitgliedern Mut zu machen. Wird schon alles nicht so schlimm, wie es die Umfragen vorhersagen, lautete ihre tröstende Botschaft. Hauptsache, wir halten an unseren Zielen fest.

Die Selbstbeschwörung verfing nicht. Viele Grünen-Mitglieder ahnen, dass die Lage der Partei in Wahrheit noch weit schlimmer ist. Im zwölften Jahr ihrer Opposition im Bund hat die einstige selbsterklärte Volkspartei noch immer kein klares Konzept für die Zukunft, kein zündendes Programm und keine überzeugende Führung. Stattdessen ergeht sie sich wie eh und je in Flügelkämpfen und Eskapismus.

Ohne Zweifel: Die volle Gleichberechtigung von Homosexuellen und anderen Minderheiten gehört zu den Kernpunkten einer Partei, die sich als Vertreterin der Bürgerrechte versteht. Die Grünen haben hier verdienstvollerweise viel erreicht. Homosexuelle Partnerschaften sind, auch dank Mithilfe des Bundesverfassungsgerichts, der Ehe bis auf das Adoptionsrecht praktisch gleichgestellt. Was noch fehlt, ist die formelle Gleichstellung.

Dass die Grünen das aber jetzt in den Mittelpunkt ihrer Kampagne stellen, unterstreicht, dass sie ihre Wahlpleiten der Vergangenheit nicht verstanden haben. Und auch nicht die Sorgen und Wünsche der Mehrheit der Bürger. Erfolg haben kann auf Dauer aber nur der, der Politik nicht alleine für seine eigene Kernklientel macht. Zumindest wenn er nicht enden will wie die FDP im Jahr 2013. Die flog damals aus dem Parlament.