Als Sahra Wagenknecht ans Mikrofon tritt, sind die Sitzplätze der Linksjugend leer. Der Parteinachwuchs hat die Tagungshalle in Hannover geschlossen verlassen. "Definitiv nicht unsere Spitzenkandidatin" sei Wagenknecht, proklamiert der Jugendverband. Wagenknecht ist wegen ihrer Äußerungen über das "verwirkte Gastrecht" von Asylbewerbern in Ungnade gefallen, die dieses Gastrecht missbrauchen würden. Die Jugend ist für offene Grenzen.

Die Fraktionsführerin der Linken im Bundestag polarisiert gern. Sie gilt als schwer steuerbar, als "Abteilung Attacke" der Linkspartei – und wurde schon selbst zur Zielscheibe. Von sechs Personenschützern bewacht, sagt Wagenknecht, die auch Spitzenkandidatin ihrer Partei ist, auf dem Delegiertentreffen in Hannover noch einmal, was sie nach der Bundestagswahl im September nicht will: nach Schwarz-Gelb, Rot-Grün oder Jamaikakoalitionen eine weitere Regierung, die neoliberale Politik mache. Die also nach Verständnis der Linken Niedriglöhne und Rentenkürzungen duldet, der Finanzwirtschaft Geschenke macht und letztlich das gesellschaftliche Klima vergiftet.

"Was wir nicht wollen, ist, diese Vielfalt um eine Variante zu erweitern, die sich rot-rot-grün nennt" – das letzte Wort betont Wagenknecht. "Dann ist gute Opposition immer noch besser als schlechte Regierungspolitik". Die Delegierten jubeln, einige schwenken rote Fahnen.

Gewaltige Voraussetzungen für Rot-Rot-Grün

Die Option auf ein Bündnis mit SPD und Grünen – die einzige Machtoption der Linken – wird von Wagenknecht seit Wochen für tot erklärt. Damit schwenkt Wagenknecht auf die Rhetorik ihres Co-Fraktionschefs Dietmar Bartsch ein. Der hat das in der Partei umstrittene Thema "Regieren oder nicht" bis zur Wahl zur Nebensache deklariert. Es gehe doch zunächst um den "Erfolgskurs". Doch Wagenknecht lässt jetzt erstmals ein Schlupfloch: "Es geht darum, so stark zu werden, dass wir die anderen vor uns hertreiben können", sagt sie zunächst und schiebt sogleich nach: "Dann kann man zur Not auch aus der Opposition heraus Politik machen." Wagenknecht will also eigentlich schon mitregieren.

Zugleich formuliert sie dafür gewaltige Voraussetzungen. Die Linke wolle "die Grundrichtung der Politik ändern", den "Sozialstaat wieder errichten" und "die verdammten Agenda-Gesetze" der rot-grünen Regierungszeit zurücknehmen. Ein Fünftel der Menschen arbeite im Niedriglohnsektor, Millionen Rentner seien von Armut bedroht, rechnet Wagenknecht vor und zitiert Wirtschaftsforscher, denen zufolge 40 Prozent der Erwerbstätigen heute weniger als Ende der 1990er Jahre verdienen würden. "Das ist doch ein Armutszeugnis für die ganze Politik", sagt die Spitzenkandidatin. Wenn Kanzlerin Angela Merkel (CDU) behaupte, Deutschland gehe es gut, kenne sie die Lebensrealität nicht. Wer so etwas sage, "der gehört im Herbst in Rente geschickt".

Auch mit dem Kanzlerkandidaten der SPD geht Wagenknecht erneut hart ins Gericht. "Einen deutschen Corbyn würde die Linke sofort zum Kanzler wählen, mit Vergnügen", sagt sie unter Bezug auf den Wahlerfolg des Chefs der britischen Linken. "Es steht leider nicht in meiner Macht, aus Martin Schulz einen deutschen Jeremy Corbyn zu machen." Schulz habe es nicht vermocht, nach seiner Nominierung "die breite Sehnsucht nach einer anderen Politik" zu befriedigen. Sie zitierte eine Aufsatz des Historikers Peter Brandt und der Grünen-Politikerin Antje Vollmer, die die Begeisterung für Schulz nicht nur als Übereinstimmung mit ihm gedeutet hätten, sondern als Aufforderung für eine andere Politik. Dass Schulz die SPD in Umfragen anfangs über 30 Prozent brachte, sei ein Zeichen gewesen, wie sehr die Menschen eine andere Politik wollten.