CDU, Grüne und FDP wagen in Kiel ein neues politisches Experiment, das die Parteiführungen in Berlin mit Blick auf Bundestagswahl sorgfältig beobachten: eine lagerübergreifende Jamaikakoalition, benannt nach den schwarz-grün-gelben Farben des karibischen Inselstaats. Das gab es erst einmal für kurze Zeit im Saarland.

Im Norden könnte es besser funktionieren. Und ebenso wie eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP könnte dieses Dreierbündnis auch im Bund gelingen – wenn die Bedingungen stimmen:

1. Keine Ausschließerei

In Schleswig-Holstein war die Polarisierung zwischen den Parteien und politischen Lagern in der Vergangenheit besonders stark. Die Nord-CDU war immer sehr konservativ, die Nord-SPD ist traditionell links, weshalb ihre einzige große Koalition 2009 fast zwangsläufig scheiterte. FDP und Grüne dagegen sind in dem Land zwischen den Meeren schon lange ziemlich pragmatisch und flexibel.

In der CDU hat sich das Denken unter dem neuen Landesvorsitzenden und designierten Ministerpräsidenten Daniel Günther gewandelt. Der schloss ein Jamaikabündnis vor der Landtagswahl am 7. Mai nicht aus und steuerte danach als Wahlsieger sofort darauf zu. FDP und Grüne hatten ein gemeinsames Bündnis mit der CDU im Wahlkampf ebenfalls nicht verworfen, genauso wenig wie eine Ampelkoalition mit der SPD. 

FDP-Spitzenkandidat und Bundesvize Wolfang Kubicki und der Bundesvorsitzende Christian Lindner hätten eine Ampel wahrscheinlich sogar lieber gemacht, um die Unabhängigkeit der  Liberalen zu demonstrieren. Doch das verbaute die SPD, weil sich ihr gescheiterter Ministerpräsident Thorsten Albig zu lange weigerte, zurückzutreten. 

Im Bund hat sich das Lagerdenken zwischen den vier Parteien gleichfalls gelockert, allerdings noch nicht in dem Maße wie in Kiel. Viele in der Union und der FDP favorisieren unverändert Schwarz-Gelb, viele Sozialdemokraten und Grüne Rot-Grün oder Rot-Rot-Grün. Die Chancen, dass es dafür im September reicht, sind allerdings fast gleich null.

2. Keine Alternative

Nach dem komplizierten Ergebnis der Landtagswahl blieben als einzige Möglichkeiten, um Neuwahlen zu vermeiden, entweder eine große Koalition, die weder CDU noch SPD nach den früheren Erfahrungen wollten. Oder ein Dreierbündnis. Da sich der SSW verweigerte, verengten sich die Optionen auf Ampel oder Jamaika.

Die FDP war zunächst wie die Grünen für beides offen. Die SPD vereiltete jedoch Verhandlungen über eine Ampel, weil der gescheiterte Ministerpräsident Torsten Albig sich trotz der klaren Niederlage seiner Partei und des Drängens der Liberalen zunächst weigerte, sich zurückzuziehen. Blieb also nur noch die Union. FDP und Grünen verständigten sich schnell auf Verhandlungen mit der CDU, die die drei Parteien am Dienstagabend nach nur drei Wochen erfolgreich und ohne große Reibungen beendeten.