Die Farbe der Scheinwerfer wechselt, statt kaltem Blau tauchen sie die Westfalenhalle in ein warmes Rot, vorne schlägt die Band ein paar basslastige Pop-Balladen an, auf den Rängen klatschen Genossen im Takt und schwenken rote Fahnen, dann zieht Kanzlerkandidat Martin Schulz ein, mit dem SPD-Parteivorstand und einer Gruppe Jusos im Schlepptau. Ein bisschen Fußballstadion-Atmosphäre, weil es ohne wohl nicht geht in der Fußballstadt Dortmund. Und weil die SPD einen zwölften Mann auf der Tribüne gerade ganz gut gebrauchen kann. Einen, der die letzten Kräfte der Partei freisetzt. 

Programmparteitage können dröge Veranstaltungen sein. Das Prozedere läuft so: Der Parteivorstand schlägt vor, wie das Programm aussehen soll, dann stimmen Delegierte aus ganz Deutschland darüber ab – und schlagen Änderungen vor. Vor dem Dortmunder Parteitag hat die Basis knapp 1.000 Seiten mit Anträgen zusammengebracht, Telefonbuchformat. Eine langwierige Vorlese- und Abnickstunde von insgesamt 1.600 Vorschlägen, das ist genau das, was sich die SPD gerade nicht leisten kann.

Laut einer aktuellen Emnid-Erhebung im Auftrag der Bild am Sonntag, schnuppern CDU und CSU unverändert an der 40-Prozentmarke, die SPD hingegen klebt bei 24 Prozent fest. Da muss Martin Schulz jede Bühne nutzen, um die Stimmung im Land noch zu drehen. Und in der Partei. Denn die neigt besonders nach himmelhochjauchzenden Phasen wie im Frühjahr, immer wieder dazu, in Depression und Selbstmitleid zu zerfließen. 

Schulz wirft Merkel "Arroganz der Macht" vor

Schulz weiß das. Viele Chancen wie auf dem Parteitag in Dortmund wird er in den drei Monaten bis zur Wahl nicht mehr bekommen. Und deshalb zieht er in seiner fast eineinhalbstündigen Rede alle Register, die ein Sozialdemokrat zur Verfügung hat. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Union geht er noch härter an als sonst: Sie wollten die Wahlbeteiligung nach unten drücken, weil das anderen Parteien schade, sagt Schulz. Diese asymmetrische Demobilisierung drücke sich darin aus, dass die Kanzlerin nichts sage, zu nichts Stellung nehme, keine konkrete Position beziehe, sagt der Kanzlerkandidat gleich zu Beginn seiner Rede und nennt das einen "Anschlag auf die Demokratie" – ein erstes Ausrufezeichen an die 6.000 Gäste und mehr als 600 Delegierten. 

Besonders hart zu schaffen macht Schulz seit Wochen, dass er zwar eifrig Wahlkampf macht, Papier nach Papier vorstellt und Grundsatzrede über Grundsatzrede hält – damit aber von der Union keine Reaktion bekommt. So auch, als Schulz vor zwei Wochen sein Rentenkonzept vorstellte. Merkel sagte, sie sehe bis 2030 keinen Handlungsbedarf bei den Renten. Nach der Wahl wolle sie eine Expertenkommission einsetzen und über das Thema beraten. So geht der SPD natürlich Angriffsfläche im Wahlkampf verloren. "Wenn eine Partei sagt, die Rente gehöre nicht in den Wahlkampf, dann ist das Arroganz der Macht", empört sich Schulz in Dortmund unter großem Applaus der Genossen.

Respekt, Würde, Vertrauen

Es folgt ein kurzer Programmeinschub mit seinen viel bemühten Wahlkampffloskeln: Respekt, Würde und Vertrauen. Er kritisiert "Profitgier", Spekulationen mit Lebensmitteln und wirbt für eine bessere digitale Infrastruktur. Dann kommt Schulz auf die Kanzlerin zurück. Sie und ihre Union stünden für "Durchwursteln", ein Europa ohne Richtung und eine Schwarze Null auf Kosten der Infrastruktur. "Wer heute nicht investiert, sondern die Milliardenüberschüsse als Steuergeschenke an die Superreichen gibt, der hat keine Gerechtigkeit im Sinn", ruft Schulz. "CDU und CSU treiben einen Keil in die Gesellschaft mit ihrer Angstmacherei und dem Leitkulturgefasel."

Das kommt zwar alles gut an. Aber Standing Ovations gibt es an diesem Mittag in Dortmund erst, als über die Großleinwände das Gesicht eines Mannes flimmert, der kein SPD-Parteibuch besitzt und an diesem Nachmittag ganz vorne im Saal sitzt: der türkische Journalist Can Dündar