Frauke Petry braucht nicht viel Fantasie, um sich ihren eigenen Abgang auszumalen: Vor ziemlich genau zwei Jahren erhob sich AfD-Mitgründer Bernd Lucke auf dem Podium des Essener Parteitags von seinem Stuhl, klappte seinen schwarzen Laptop zu, rollte das Kabel ein und verschwand hinter der Bühne – zum Jubelgebrüll der Mitglieder, die Petrys Sieg feierten.  

Zur nächsten Wahl der AfD-Parteispitze im Dezember könnte es ähnlich kommen. Nur, dass es dann Petry sein könnte, die ihren Rechner zuklappt und geht, sobald das Ergebnis verkündet ist.

Denn Petrys Co-Parteichef Jörg Meuthen hat großen Rückhalt in der Partei. Der Wirtschaftsprofessor aus Baden-Württemberg kann Euro-Kritik genauso fundiert üben wie Lucke, ist aber auch bei den Nationalkonservativen gut verdrahtet: Offen zeigt er seine Sympathie für den rechten Flügel der AfD, zu dem auch die Patriotische Plattform gehört. Er posierte am Fuße des Kyffhäuser-Denkmals mit dem nationalistischen Flügel-Wortführer Björn Höcke und Parteivize Alexander Gauland. Für seine in völkischen Tönen gehaltene Abschlussrede zum Parteitag im April wurde Meuthen frenetisch bejubelt. Petry dagegen wurde in Köln öffentlich gedemütigt – die Mitglieder nahmen den von ihr formulierten Zukunftsantrag zur strategischen Ausrichtung der Partei erst gar nicht auf die Tagesordnung. Im vierten Jahr der Parteigeschichte ist die AfD-Mitgründerin zum Störfaktor geworden.

Aus Sicht der Partei logisch

Petry hat kürzlich ein Kind zur Welt gebracht, sie tritt nicht öffentlich auf. In Sachsen wird sie demnächst wegen Meineids angeklagt, der Landtag soll Ende August ihre Immunität aufheben. Geschickt nutzt Meuthen die Schwäche der Co-Chefin, um seinen Einflussbereich zu erweitern. Eine Doppelspitze mit Petry könne er sich "nicht gut vorstellen", sagte Meuthen jetzt, auf Nachfrage konkretisierte er, dass er dafür "nicht zur Verfügung stehen" könne.

Das macht die Sache kompliziert. Die AfD hat laut Satzung mindestens zwei Vorsitzende. Damit Meuthen als Parteichef weitermacht, müsste Petry demnach bei der Wahl der Co-Sprecherin durchfallen. Würde jedoch auch Petry wiedergewählt, müsste Meuthen zurücktreten oder von vornherein verzichten. Schwer vorstellbar, dass der machtbewusste Stratege das riskiert. Plausibel ist, dass er Petry mit seinem "Die-oder-ich"-Vorstoß in die Enge treiben und zum freiwilligen Verzicht auf die Parteispitze bewegen will. So wie sie auch schon auf eine Spitzenrolle im Bundestagswahlkampf verzichtete.

Aus Sicht der Partei hat das Ganze sogar Logik: Meuthen kandidiert nicht für den Bundestag, er sieht im Fraktionsvorsitz im Stuttgarter Landtag seine Arbeitsbasis. Die sächsische Spitzenkandidatin Petry wird dagegen nach der Wahl im September im Bundestag sitzen. Sie hat dort gute Chancen auf den AfD-Fraktionsvorsitz. Gestärkt durch dieses Amt könnte sie sich ohne großen Gesichtsverlust vom Partei-Spitzenamt zurückziehen.