Ich mag Leser, die mich klüger machen. Aber was soll ich mit Usern umgehen, die sich Amalias deutsche Schwägerin nennen, oder pfanni_on_fire?

Ich kann mich nicht an anonyme Leserzuschriften gewöhnen. Ihnen haftet etwas Hinterhältiges an. Wer sein Gesicht nicht zeigt, wer seinen Namen nicht nennt, dem kann ich nur schwer trauen. Das gilt für die digitale wie für die analoge Welt. 

Bei Demonstrationen gilt in Deutschland ein Vermummungsverbot. Das hat seinen guten Gründe. Der G20-Gipfel in Hamburg hat das gerade eben bewiesen. Vermummte hatten es darauf angelegt, getarnt möglichst viel Schaden anzurichten. Sie waren nicht interessiert am Protest mit offenem Visier.

Ich wünschte mir, dass sich auch Leser nicht vermummen – freiwillig, natürlich. Das würde es mir leichter machen, sie ernst zu nehmen.

An dieser Stelle höre ich die Digital Natives schon lachen.: "He, Alter! In welchem Zeitalter lebst du denn? Bist du ein Dino oder was? Naiv oder nur blöd?"

In der analogen Welt, so lautet eine gern verwendetes Argument, dienen Stimme und Aussehen als Merkmale zur Identifizierung. In der digitalen Welt fehlt das. Doch gibt es andere Möglichkeiten zu verstehen, mit wem man es zu tun hat. Die Persönlichkeit, so geht das Argument weiter, wird durch den Schreibstil sichtbar, durch die Art zu argumentieren.

Das mir im Netz entgegentretende Subjekt entsteht also im fortlaufenden Prozess des Schreibens. Nach und nach darf ich es kennenlernen. Zeile für Zeile darf ich versuchen, das Geheimnis seiner Persönlichkeit zu lüften. Das ist nicht ohne detektivischen Reiz. 

Wenn ich aus meiner Leserschaft einen Durchschnittscharakter herausdestillieren müsste, dann würde ich sagen: oft klug, manchmal besserwisserisch, ab und zu verständnisvoll, meistens aber auf eine unterschwellige, doch spürbare Weise wütend. Sehr häufig lehnt er sich in seinem Sessel zurück, schaut auf die virtuelle Bühne und ruft zu mir digital zu: "Na, dann tanz uns mal was vor!" Nach Ende der Vorstellung verteilt er Noten, freilich ohne Eintritt bezahlt zu haben. Läuft alles unter Freiheit des Individuums.

Wut macht hässlich

Alles in allem ist mein Leser (wahrscheinlich) ein explosiver, empfindlicher Charakter mit großem Mitteilungsbedürfnis und besonderem Konsumverhalten. Oder sind das alles doch nur Bots? Hoffentlich. 


Die Sache mit der Wut kann ich verstehen. Wenn mir einer mit dem Nicknamen "Ich bin nicht Gott" nur dies eine Zeile schreibt: "Ihre Geschichte, Herr Ladurner, ist ein einzigartiger Griff ins Klo!", würde ich am liebsten sofort in die Tasten hauen, unter dem Pseudonym Racheengel.

Doch ich lass es bleiben. Wut macht hässlich.

Fürs Verstecken gibt es den Maskenball

Es will mir einfach nicht in den Kopf. Warum trägt einer, der schreiben kann, den Namen Kakophonie? Warum nennt sich einer, der argumentieren kann, Der kleine Dicke von nebenan?

Gut, die Lust am Verstecken, kann ich begreifen. Aber dafür gibt es den Maskenball.

Anonymität macht es leichter, sich auszutoben. Geschenkt. Es gibt reichlich andere Möglichkeiten, sich auszutoben. Debatten eignen sich dafür nicht.

Wir leben nicht in einer Diktatur

Anonymität schützt, gewiss. Aber wir leben nicht in einer Diktatur. Auch wenn das mindestens ein Leser, der sich Zensurits nennt, wohl anders sieht. Niemand wird ihn verfolgen, wenn er seine Meinung auf ZEIT ONLINE unter seinem Klarnamen veröffentlicht. Mal abgesehen davon, dass wer ihn wirklich verfolgen wollte, seinen Namen schnell rausfinden wird.

Nein, ich finde keine guten Argumente für anonyme Leserzuschriften. Aber vielleicht gibt es sie, da draußen, in den Weiten des Netzes, wo die wilden Kerle wohnen.