Die Verbundenheit zwischen den Deutschen und den Türken ist ein "großer Schatz". Die Beziehungen zur Türkei verschlechterten sich, aber nichts davon richte sich gegen die Türken und die Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Das hat Außenminister Sigmar Gabriel, ohne falsches Pathos, in einem Aufruf an die Deutschtürken in der Bild-Zeitung in türkischer und deutscher Sprache versichert.

Völlig zu Recht. Der Text ist wichtiges Signal in Zeiten, in denen wir jeden Tag über neue Repressalien in der Türkei lesen müssen, in denen Präsident Recep Tayyip Erdoğan zuletzt sogar deutsche Menschenrechtler verhaften ließ und deutschen Abgeordneten den Zutritt zu Bundeswehrsoldaten auf dem Nato-Stützpunkt Konya verweigert. Weshalb der Konflikt zwischen den Regierungen eskaliert: Auch die Bundesregierung schlägt jetzt als Reaktion eine härtere Gangart ein. Gabriel wirbt bei den aus der Türkei Stammenden um Verständnis dafür – auch das ein gutes Zeichen, dass er sie als Mitbürger ernstnimmt und sie nicht der Propaganda aus Ankara überlässt.

Die Türkei ist und bleibt ein enger Partner Deutschlands. Nicht nur als unverzichtbares Scharnier zwischen Europa und dem Mittleren Osten, wie sich am Syrienkrieg zeigt. Nicht nur, weil sie als Folge dieses Krieges und seiner Lage Millionen Flüchtlinge beherbergt, die sonst wahrscheinlich nach Europa und Deutschland weiterziehen würden.

Sondern weil auch sonst beide Länder viel verbindet: eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, der Tourismus, die Geschichte, vor allem aber die drei Millionen Türkischstämmigen, deren erste die deutsche Wirtschaft und die deutsche Politik in den 1950er Jahren als Gastarbeiter geholt hatten. Sie und ihre Nachkommen leben heute als ein selbstverständlicher Teil Deutschlands in diesem Land. Eine nicht nur außen-, sondern auch innenpolitische Eskalation im Verhältnis zu den Deutschtürken wäre deshalb nicht im deutschen Interesse.

Die Türkei war militärischer Verbündeter Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Sie hat während der Nazizeit auch vielen verfolgten Deutschen Asyl gewährt, darunter zahlreichen Wissenschaftlern und Sozialdemokraten wie dem späteren ersten Regierenden Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, und dessen Sohn, dem späteren Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter. Dieses historische Kapitel ist heute weitgehend vergessen. Aber schon deshalb darf die Bundesregierung keine türkischen Asylsuchenden an Erdoğan ausliefern. Sie darf sie von ihm nicht erpressen lassen.

Vorerst keine normalen Beziehungen

Das Band zwischen beiden Staaten ist mittlerweile zum Zerreißen gespannt, seit sich die AKP unter Erdoğan von einer reformerischen Kraft zu einer autoritär-menschenrechtsfeindlichen gewandelt hat, mit brutaler Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der kurdischen und sonstigen Minderheiten und jeglicher Opposition. Aber es gibt dieses Band noch – in weiten Teilen der türkischen Zivilgesellschaft, die im Widerstand zu Erdoğan stehen, bei vielen Deutschtürken und zumindest in Teilen der übrigen deutschen Gesellschaft.

Solange die Türkei sich immer weiter in Richtung einer Diktatur bewegt, kann es keine normalen Beziehungen zu dem Land geben. Deshalb sind Gegenmaßnahmen, die die Bundesregierung plant, berechtigt. Deutschland muss zeigen, dass es sich von der Türkei und ihrem derzeitigen Machthaber nicht alles gefallen lässt. Das ist Deutschland auch den Erdoğan-Gegnern unter den Deutschtürken schuldig.

Aber für die Zukunft sollten Deutschland und die EU die Tür für die Türkei nicht endgültig verschließen. Die Perspektive, irgendwann formell und politisch zum freien Europa zu gehören, ist für demokratisch gesinnte Türken, ob sie nun in der Türkei leben oder hier, ein Hoffnungsschimmer in der jetzigen Finsternis in ihrem Land, ihrer alten Heimat. Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Gabriels Botschaft an die Deutschtürken und die Türken: Wir geben euch nicht auf.