Die FDP muss neue Wähler gewinnen. Das Ziel: nach vier Jahren Abstinenz endlich wieder in den Deutschen Bundestag einziehen. Das scheint auch zu gelingen. In den Umfragen liegen die Liberalen deutlich über fünf Prozent. Sogar ein Regierungsbündnis mit der Union scheint wieder möglich. Aber woher kommt der neue Aufschwung? Mit welchen Themen kann die FDP punkten? ZEIT ONLINE hat zusammen mit dem Umfrageinstitut Yougov die FDP-Wähler analysiert.

Die Liberalen sind vor allem für vormalige Wähler der Union attraktiv: Mehr als 50 Prozent der Befragten, die heute FDP wählen würden, haben 2013 noch ihr Kreuz bei der CDU gemacht. Jeder zehnte hat zuvor SPD gewählt und nur ein Fünftel sind Stammwähler der FDP. Das hat auch Auswirkung auf die inhaltlichen Präferenzen der Wähler.

Während Grünen-Wähler den Umweltschutz und SPD-Wähler die soziale Gerechtigkeit als wichtigstes Thema im Wahlkampf sehen – und damit ganz auf Linie mit ihrer Partei liegen – findet man bei den Liberalen die klassischen FDP-Themen eher mäßig relevant: 58 Prozent von ihnen halten die Wirtschaftsentwicklung für sehr wichtig, 53 Prozent sagen das über öffentliche Finanzen und Steuern. Zum Vergleich: 76 Prozent halten den Schutz vor Terror und Verbrechen sehr wichtig, 74 die Altersvorsorge, 69 Prozent das Thema Einwanderung und Flüchtlinge. Damit haben die Liberalen-Wähler beinahe die selben Prioritäten wie die der beiden konservativen Parteien, CDU und AfD.

Parteichef Christian Lindner lässt sich im Zwiegespräch mit Amazons neuer Spracherkennungsbox Alexa filmen und zieht mit der Behauptung durchs Land, Deutschland habe das langsamste Internet unter den westlichen Ländern. Die FDP setzt im Wahlkampf ganz auf das Thema Internet und Digitalisierung. Das passt gut zum positiven Self-Made-Image, das sich die Liberalen gerne geben. Immerhin ist FDP-Wählern dieses Thema im Schnitt etwas wichtiger als den Wählern anderer Parteien. Nur gleichzeitig: Die FDP-Wähler finden kein anderes Thema im Wahlkampf unwichtiger.

Hat das Fehlen der FDP im Parlament, wenn schon nicht in der Regierung, dann doch wenigstens auf der Oppositionsbank, den Aufstieg der AfD begünstigt? Die AfD kompensiert offensichtlich ein Bedürfnis, das die letzten Jahre nicht im politischen System artikuliert wurde. Bei allen Unterschieden: Beide Parteien zapfen ähnliche Stimmungen an. Bei der AfD ist der Trend ausgeprägter, aber immerhin gut zwei Drittel der FDP-Anhänger fühlt sich von der Politik nicht angemessen vertreten. FDP-Wähler bewerten Politiker insgesamt negativer als der Durchschnitt der Wähler.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschiede, vor allem darin, wie sich AfD- und FDP-Anhänger selbst wahrnehmen. Anders als die Wähler der Rechtspopulisten sind die Liberalen mehrheitlich glücklich. Sie blicken positiver in die Zukunft, der Aussage, Deutschland gehe vor die Hunde, stimmen FDP-Anhänger nur selten zu. Im politischen Spektrum ordnen die Liberalen ihre Partei in der Mitte ein – als politische Nachbarn der Union. Die AfD sehen sie als eine rechte Partei.

Die FDP-Wähler haben im Vergleich zu allen anderen Parteianhängern am stärksten wirtschaftsliberale Positionen. Bei der Frage, ob der Staat die Wirtschaft strenger regulieren soll oder nicht, tendieren die Liberalen zur Deregulierung.

Soll der Staat die Wirtschaft regulieren?

Bei der Frage, ob der Sozialstaat ausgebaut werden und dafür die Steuer erhöht werden sollen, neigen die FDP-Wähler dazu, weniger Sozialleistungen zu zahlen und dafür die Steuern zu senken.

Mehr Steuern und höhere Sozialleistungen?

Die FDP ist also eine Art Protestpartei der Mitte, ein Stimmungsmilieu für viele, die zwar unzufrieden mit der Politik sind – nicht aber mit sich selbst oder der Situation des Landes. Und gleichzeitig fängt die FDP all jene auf, die sich nicht auf die ressentimentgeladenen Antworten der Populisten einlassen wollen.

Ihre Partei finden zwei Drittel von ihnen sympathisch und überzeugend. Allerdings bemängeln sie deren Durchsetzungsfähigkeit. Die FDP gilt zwar als Klientelpartei, Stichwort Mövenpick. Doch nur 59 Prozent der aktuellen Wähler glauben, ihre Partei setze sich "für Leute wie mich" ein.

"Leute wie mich", das sind bei der FDP vor allem alte, besserverdienende Männer. 56 Prozent der aktuellen FDP-Wähler sind laut der YouGov-Erhebung Männer. Zum Vergleich: Bei der SPD ist das Verhältnis fast ausgeglichen und die Grünen haben fast 16 Prozentpunkte mehr weibliche als männliche Wähler.

Alter der FDP-Wählerschaft

Christian Lindner ist zwar der jüngste der Spitzenkandidaten, abgesehen von Alice Weidel von der AfD, doch auf seine Wählerschaft hat das offenbar keinen Einfluss. 48 Prozent der FDP-Wähler sind 60 Jahre und älter – ein Spitzenwert unter den Parteien. Selbst bei der CDU, die  einen Ruf als Rentnerpartei hat, liegt dieser Wert mit 44 Prozent darunter. Vor allem in Lindners eigener Altersgruppe schneiden die Liberalen schlecht ab. Nur elf Prozent ihrer aktuellen Wähler sind zwischen 30 und 39 Jahre alt. Im Durchschnitt der anderen Parteien liegt dieser Wert immerhin bei 15 Prozent.

Einkommen der FDP-Wählerschaft

Ihr überdurchschnittlich hohes Einkommen – ein viertel der FDP-Wähler verdient mehr als 3.000 Euro netto im Monat – lässt sich vermutlich auch auf das hohe Bildungsniveau zurückführen. 37 Prozent der aktuellen FDP-Wähler haben Abitur oder Fachhochschulreife. Nur bei den Grünen liegt dieser Wert höher.

Nach Feierabend greifen die meisten FDP-Wähler lieber als der Durchschnittswähler ins Weinregal (38 Prozent) als zur Bierflasche (18 Prozent) – außerdem sind sie überdurchschnittlich sportlich: 55 Prozent treiben mindestens ein Mal die Woche Sport (unter den anderen Wählern sind es nur knapp 49 Prozent). Wobei die Demoskopen allerdings nicht erfasst haben, ob ein Besuch im Yacht- und Golfclub schon als Sport zählt.

Die Ergebnisse unserer Wähleranatomie stützen sich auf zwei Samples des Umfrageinstituts YouGov: In der Datenbank des Instituts sind 11.986 Wähler, ausgewertet wurde im Zeitraum von Februar 2017 bis Mai 2017. Speziell für diese Studie wurde ergänzend eine Onlineumfrage vom 13. bis 19. Juni durchgeführt.