Mit seiner Warnung vor einer neuen Flüchtlingskrise hat sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz scharfe Kritik von anderen Parteien eingetragen. FDP-Chef Christian Lindner bezeichnete den Vorstoß als "überraschend und wenig glaubwürdig", schließlich habe die SPD die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel stets unterstützt. "Die SPD sucht nach Themen", sagte Lindner den Ruhr Nachrichten.

Schulz hatte am Wochenende vor einer Wiederholung der Flüchtlingskrise von 2015 gewarnt und auf die steigende Zahl von Flüchtlingen verwiesen, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. Außerdem warf er der Kanzlerin vor, sie habe sich im Sommer 2015 nicht genügend mit den anderen EU-Ländern abgestimmt, als sie entschied, die Grenzen für die Flüchtlinge öffnen zu lassen. Am Donnerstag will der SPD-Kanzlerkandidat zum italienischen Premier Paolo Gentiloni reisen und auch eine Flüchtlingseinrichtung auf Sizilien besuchen.

Lob für Schulz' Vorstoß kam dagegen von der AfD. Dieser habe "ausnahmsweise mal recht", sagte Spitzenkandidat Alexander Gauland. Es handele sich aber um "unglaubwürdige Lippenbekenntnisse."

Alle anderen Parteien wiesen die Warnung zurück. "Da redet einer von einem neuen Flüchtlingsstrom, der selbst alle Maßnahmen zur Begrenzung abgelehnt und bekämpft hat", sagte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer der Passauer Neuen Presse.

Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt sagte, die Große Koalition habe seit der Flüchtlingskrise von 2015 zwei Jahre Zeit gehabt, die damaligen Fehler zu korrigieren. "Weder Herr Schulz noch Frau Merkel haben solche Konzepte", sagte Göring-Eckardt.

100.000 Flüchtlinge, nicht 800.000

Linken-Chef Bernd Riexinger verwies darauf, dass Schulz in seiner früheren Aufgabe als EU-Parlamentspräsident nichts zur Durchsetzung europäischer Lösungen beigetragen habe. "Denn Italien und Griechenland werden nicht erst in diesem Jahr mit der Betreuung der Geflüchteten alleingelassen", sagte Riexinger.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil wies Spekulationen zurück, wonach der Vorstoß seines Kanzlerkandidaten der AfD zugutekomme. "Niemand, der verantwortliche Politik macht, kann sich davor drücken", sagte Heil über die Entwicklungen im Mittelmeer. Es gehe aber nicht darum, Ängste zu schüren, sondern darum, nach Lösungen zu suchen.

Die Organisation Pro Asyl warnte hingegen vor einer "alarmistischen Debatte über die vermeintliche Flüchtlingskrise in Europa". Es kämen weniger Flüchtlinge nach Deutschland, sagte Pro-Asyl-Europareferent Karl Kopp. Bisher seien 111.000 Bootsflüchtlinge im Griechenland, Italien, Zypern und Spanien angekommen. "Seit 2015 heißt das Dauerproblem: mangelnde europäische Solidarität bei der Flüchtlingsaufnahme", sagte Kopp.