ZEIT ONLINE: Heute treffen Martin Schulz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Paris zusammen. Was hat Macron, was Schulz nicht hat?

Frank Stauss: Interessanter ist doch, was beide verbindet: eine kämpferische proeuropäische Haltung. Keine Ahnung, was Macron hat, was Schulz nicht hat: Er ist jünger?

ZEIT ONLINE: Der ehemalige Sozialist ist mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden. Schulz und seine SPD liegen in den Umfragen abgeschlagen hinter Merkels Union. Und vielleicht hat Macron sich länger das Außenseiter-Image bewahren können.

Stauss: Ja, irre, oder? Dabei ist es doch Schulz, der sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hat. Aber gut, ich wäre der Letzte, der es kritisieren würde, dass Macron eine gute Bildung genossen hat. Aber da sehen Sie, dass die Zuschreibungen zu den Kandidaten nicht immer fair sind.

ZEIT ONLINE: Schulz und Frankreichs junger Präsident beraten im Élysée-Palast über die Zukunft der EU. Kann das dem SPD-Kandidaten Zuspruch bringen?

Stauss: Der rote Teppich entscheidet keine Wahlkämpfe. Im Moment suchen ja alle die Nähe von Macron, weil er neu, mächtig und beliebt ist. Letztendlich sind solche Besuche Rituale, mit denen man keinen Wahlkampf entscheidet. Das gilt übrigens auch für die Kanzlerin.

ZEIT ONLINE: In der Europapolitik ist die SPD bereit, den deutschen Geldbeutel zu öffnen und mehr Geld für die Flüchtlingspolitik zu geben. Ist das ein gutes Wahlkampfthema?

Stauss: Die SPD will ja mehr Geld ausgeben, damit sich eine Situation wie 2015 nicht noch mal wiederholt. Wenn Sie den Herkunfts- und Grenzländern helfen wollen, den Flüchtlingsstrom zu bewältigen und die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland kleinhalten wollen, dann müssen Sie Geld ausgeben. Europa muss Deutschland auch etwas wert sein. Wir erwirtschaften mehr als wir reingeben. Wir haben ein Interesse am Fortbestand Europas.

ZEIT ONLINE: Wie mehrheitsfähig ist diese Ansicht unter den deutschen Wählern?

Stauss: Unterschätzen Sie mal die deutschen Wähler nicht. Deutschland ist ein sehr proeuropäisches Land, die Menschen sehen Europa viel positiver als die Bevölkerung in anderen Ländern. Die Deutschen sind durchaus zur Solidarität fähig, das haben sie ja schon im Sommer 2015 bewiesen, als Tausende den Ankommenden geholfen haben.

ZEIT ONLINE: Als erfahrener Wahlkämpfer: Wo ist Merkel zu packen? Der Programmparteitag und der Zehn-Punkte-Plan der SPD hat das ja noch nicht geschafft.

Stauss: Angela Merkel ist angreifbar in ihrer Selbstgefälligkeit und Ideenlosigkeit. Was zum großen Thema dieses Wahlkampfes werden sollte ist die Frage, inwieweit Deutschland in fünf Jahren noch wettbewerbsfähig sein wird. Stellt sich die Politik der Zukunft oder verweigert sie eine Debatte darüber, so wie es Merkel tut? Umfragen und Stimmungen täuschen. Schauen Sie, wie es vor drei Monaten war: Während des Schulz-Hypes hieß es: Jetzt sieht man mal, wie schwach Merkel ist, wenn sie einmal einen vernünftigen Herausforderer hat, dann kommt sie gleich in Bedrängnis. Jetzt wirkt sie wieder allmächtig, auch das täuscht. Es ist also noch alles offen.

ZEIT ONLINE: Welchen Fehler darf Schulz nicht machen?

Stauss: Er muss jetzt dranbleiben, er darf sich von denen, die sagen, er bringe zu viele Inhalte, nicht verunsichern lassen. Wenn man als Herausforderer ins Kanzleramt will, dann muss man der ambitioniertere Kandidat sein. Dass es bei der SPD am Anfang etwas geruckelt hat, ist auch der späten Nominierung des Kandidaten geschuldet, von der ich nie ein Freund war. Aber jetzt ist alles bereit: Kandidat, Programm, Partei. Schulz muss Merkel jetzt immer wieder neu herausfordern, er muss darauf zählen, dass in zehn Wochen mehr Menschen denken: Die bringt es nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Machen ihm die Sommerferien da nicht einen Strich durch die Rechnung?

Stauss: Im Gegenteil. Für viele Wähler ist der Urlaub wie dieser Apparat aus Men in Black, der das Gedächtnis auslöscht. Sie kommen zurück und schauen noch mal neu hin. In den Urlaub sind sie gegangen mit der Erwartung, dass Merkel laut den Umfragen wahrscheinlich Kanzlerin bleibt. In dem Augenblick, in dem sie zurück sind, muss Schulz einen inhaltlichen Punkt machen und zeigen, warum er die bessere Alternative wäre.