Als der Fotograf Björn Kietzmann am vergangenen Freitagmorgen ins Medienzentrum des G20-Gipfels zurückkehren wollte, erlebte er eine böse Überraschung. Obwohl er dort bereits zwei Tage lang gearbeitet und auch seine Ausrüstung eingesperrt hatte, war für ihn nun plötzlich am Eingang Schluss. Es gebe ein Problem, teilten ihm die kontrollierenden Polizistinnen mit. Er solle auf einen BKA-Beamten warten. Der sagte dem Fotografen schließlich, dass er ihm leider die Akkreditierung entziehen müsse – so hat es Kietzmann nun der Süddeutschen Zeitung und deren Jugendmagazin Jetzt erzählt. Kietzmann durfte dann doch noch mal in das Medienzentrum: In Begleitung eines BKA-Beamten holte er seine Sachen aus dem Schließfach.

Wieso war aus einem erfahrenen Fotografen, der in Hamburg für die Agentur Action Press akkreditiert war, der im Jahr zuvor noch einen Ausweis des Bundespresseamtes gehabt und bereits viele Termine mit hochrangigen Politikern fotografiert hatte, plötzlich ein Verdächtiger geworden?

Das ist die Frage, auf die es bisher keine Antwort gibt. Nur ein Verdacht steht im Raum. Kietzmann hatte genau wie sein Kollege Chris Grodotzki und der ebenfalls auf dem Gipfel zurückgewiesene Fotograf Willi Effenberg in der Vergangenheit in der Türkei fotografiert. Kietzmann und Grodotzki waren dort 2014 auch kurzzeitig inhaftiert worden, nachdem sie in der kurdischen Stadt Diyarbakır Bilder von den Protesten gegen die Regierung in Ankara gemacht hatten. 

Auch ein weiterer Fotograf, dem in Hamburg die Akkreditierung entzogen worden war, hatte nach Informationen der Süddeutschen Zeitung 2012 in den Kurdengebieten im Südosten der Türkei gearbeitet. War es also der türkische Geheimdienst, der Druck auf das Bundespresseamt machte, den Fotografen die Akkreditierung zu entziehen? Regierungssprecher Steffen Seibert wies dies am Dienstag zurück. Die Entscheidung sei allein auf der Grundlage von Erkenntnissen deutscher Behörden gefallen, sagte er.

Doch welche Erklärung könnte es sonst geben? "Mir fällt einfach keine sinnvolle Erklärung ein", sagte Kietzmann Jetzt. Er sei nicht vorbestraft, habe sich auch nie fehl verhalten. Und dass er während seiner Studienzeit an der einen oder anderen Demonstration teilgenommen habe, habe bei früheren Akkreditierungen nie eine Rolle gespielt.

Er arbeite viel zu Protesten, Neofaschismus und Flüchtlingsbewegungen, sagte Kietzmann weiter. Im Sommer 2015 habe er beispielsweise in Mazedonien den Protestmarsch von Flüchtlingen aus Idomeni dokumentiert. Auch dort wurde er kurzzeitig festgenommen. Genauso fotografierte er aber auch die britische Premierministerin Theresa May bei ihrem Besuch im Bundeskanzleramt oder Obamas Staatsbesuch 2013. Er sei kein Aktivist, sagte Kietzmann – sondern Journalist. "32 sicherheitsüberprüfte und akkreditierte Journalisten ohne Erklärung auf eine schwarze Liste zu setzen, ist ein Skandal", findet Kietzmann. Das komme einem Berufsverbot gleich.

Auch Grodotzky rätselt über die Gründe für den Entzug der Akkreditierung. Den BKA-Beamten, die diese umsetzen mussten, habe man angemerkt, dass es ihnen selbst ein bisschen peinlich gewesen sei, sagte er Jetzt. Und fügte hinzu: "Für mich sind an diesem Tag einige Dämme gebrochen. Nicht nur, was die Pressefreiheit angeht, sondern die Freiheit im Allgemeinen." Denn er habe den Eindruck, dass die Behörden den Gipfel nutzten, um "vieles auszutesten". Am Abend des Tages, an dem ihm die Akkreditierung entzogen worden war, wollte er fotografieren, wie eine friedliche Demonstration durch die Polizei gestürmt worden sei. Obwohl er seinen Presseausweis hochgehalten habe, sei er von oben bis unten in "Pfefferspray gebadet" worden.

Deutscher Journalistenverband dringt auf Aufklärung

Aufklärung fordert nun auch der Deutsche Journalistenverband (DJV). Es werfe Fragen auf, wenn nicht einmal der Regierungssprecher genaue und umfassende Auskunft geben wolle, sagte der DJV-Chef Frank Überall den Ruhr Nachrichten. Zudem sei es äußerst problematisch und nicht im Einklang mit dem Datenschutz, dass Listen mit sensiblen Daten der betroffenen Berichterstatter offen kursierten.

Die Deutschen Journalisten-Union (DJU) sprach von einem Rechtsverstoß. "Wir halten die Maßnahme für rechtswidrig und werden diese Frage notfalls auf dem Rechtsweg klären lassen", schrieb DJU-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß in drei ähnlich lautenden, am Mittwoch veröffentlichten Briefen an Regierungssprecher Steffen Seibert, die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff und den Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Holger Münch.

Auch die Grünen fordern Aufklärung. "Bei einem so schweren Eingriff in die Pressefreiheit und Grundrechte der Betroffenen müssen wir genau wissen: Worauf beruhten die Sicherheitsbedenken deutscher Behörden im Einzelnen?", sagte Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Es müsse geklärt werden, welche Dateien "offensichtlich auch über deutsche Journalisten geführt" würden und ob doch Erkenntnisse ausländischer Geheimdienste eingeflossen seien. Der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele stellte dazu eine schriftliche Anfrage an die Bundesregierung.