Sogar Hans-Christian Ströbele ist gekommen, der Demoveteran der Grünen aus Berlin, der dort noch jeden Protestzug mit seinem Fahrrad begleitet hat. Er habe sich nach der Eskalation am Freitagabend selbst ein Bild machen wollen von der Situation in Hamburg, sagt Ströbele, auf einen Stock gestützt. Und was er hier jetzt sehe auf der Demonstration Grenzenlose Solidarität statt G20, das begeistere ihn.

"Das hier ist ja eine riesige Demo", sagt der 78-Jährige, "und glauben Sie mir, ich war schon auf vielen Demos." Dann setzt er hinzu: "100.000 Leute protestieren friedlich gegen G20, das wäre doch ein tolles Zeichen."

Am Ende sollten es etwas weniger sein. Die Veranstalter gehen von 76.000 aus, die Polizei von 50.000. Aber trotzdem: Nach dem Gewaltausbruch in der Freitagnacht ist die Kundgebung, die am Millerntor endet, tatsächlich zu einer Art Symbol geworden, dass Hamburg auch friedlichen Protest kann.

Das war nach den Ereignissen vom Vortag nicht unbedingt zu erwarten. Am Freitag hatten sich militante Gruppen bereits gegen Mittag zwischen Millerntor und Landungsbrücken gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Am frühen Abend verlagerte sich das Geschehen auf das Schanzenviertel – mit den fürchterlichsten Krawallen, die Hamburg seit Langem gesehen hatte. Eine Art von Randale, die bürgerkriegshafte Bilder hinterließ und weltweit mehr Aufmerksamkeit erzeugte als das politische Geschehen des G20-Gipfels um Merkel, Trump, Xi und Putin.

Der Protest hingegen, der am Samstagmittag vom Deichtorhallenplatz durch die Hamburger Innenstadt und über die Reeperbahn bis zum Millerntorplatz lief, war bunt: Protestiert wurde gegen Klimawandel und für Umweltschutz, für Kurdistan und gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan, für mehr internationale Solidarität und gegen Krieg. Die Teilnehmer waren jung und alt, und sie kamen aus allen möglichen Ländern. Begleitet wurde der Demonstrationszug von fröhlichen Schaulustigen. Viele waren überrascht, wie viele dem Aufruf zur Demo am Ende gefolgt sind.

Genau so einen Protestzug hatte Jan van Aken, Hamburger Bundestagsabgeordneter der Linken, sich gewünscht. Sein Ziel, sagte er vor dem Start der Demo, sei, dass auch inhaltlicher Protest von der G20-Woche haften bleibe. Das hat geklappt. Wenn Probleme auftauchten, waren es eher kleinere. Einmal forderte die Polizei Demonstranten auf, das Schwenken von PKK-Flaggen zu unterlassen – die Angesprochenen kamen der Bitte nach und packten die Flaggen weg. Ein anderes Mal kam der Demonstrationszug zum Stehen, weil die Wagen der mexikanischen Delegation vor einem Hotel im Weg standen. Nach wenigen Minuten konnte es weitergehen.

Einmal versuchten Beamte eine Gruppe Vermummter aus dem Zug herauszuholen, die dann aber unerkannt flüchteten. Bei der Abschlusskundgebung auf dem Millerntorplatz kam kurzzeitig Unruhe auf, als zwei Wasserwerfer vorfuhren und es regnen ließen. Die am Rand der Demonstration postierten Polizisten sollen zuvor mit Gegenständen beworfen worden sein. Auffällig war zudem die latente, unter den Demonstranten verbreitete Antistaat- und Antipolizeistimmung. Eine Rednerin auf der Abschlusskundgebung sprach an die Sicherheitskräfte gewandt: "Überlegt euch gut, was für Bilder ihr hier produziert!"

Am Ende dieses letzten G20-Demonstrationstages standen Tausende Menschen vor der Bühne auf dem Millerntorplatz – darauf ein riesiges Transparent "Solidarity without Borders" – und feierten sich und das Gelingen des friedlichen Protests. "Wir haben uns nicht spalten lassen", rief die Moderatorin auf der Bühne. Die Menschen jubelten. "76.000 Menschen, das ist 76.000 Mal Hoffnung."

Mitarbeit: Steffen Richter